Das Wurstsemmel-Komplott

27. Dezember 2004, 13:25
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81 Prozent der unter 35-Jährigen fordern finanzielle Entlastung der Jungen - Vertrauen in Sozialstaat ist erschüttert

Der Generationenvertrag wankt: 81 Prozent der unter 35-Jährigen fordern eine finanzielle Entlastung der Jugend. Das Vertrauen in den Sozialstaat ist erschüttert, umso mehr Wert wird auf die eigene Gesundheit gelegt.

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Auch so kann man politisch berühmt werden: Die Chefin der Jungen ÖVP, Silvia Fuhrmann, machte heuer im März ihrem Ärger über die Pensionsdebatte Luft, in dem sie die Ausgleichszahlungen für Rentner mit den Worten kritisierte: um "Zehn Euro könne man beim Billa gerade einmal drei Wurstsemmeln kaufen".

Die Empörung war groß - auch in ihrer eigenen Partei. Abgesehen davon, dass Fuhrmann falsch gerechnet hatte, wie sie später reumütig zugab, traf sie mit dieser Aussage aber durchaus den Nerv ihrer Generation.

Denn das Vertrauen der unter 35-Jährigen in den viel gelobten österreichischen Sozialstaat ist äußerst gering, wie die Metis-Zukunftsstudie zeigt. 2500 Österreicher im Alter von 15 bis 35 wurden über ihre Einschätzungen zum Sozial- und Pensionssystem für das Jahr 2050 befragt - jenem Jahr also, wenn sie selber zu den Ältesten im Land gehören werden.

Das Ergebnis: "Das junge Österreich hat nicht das Gefühl, dass die Pensionsreformen zur Sicherung ihrer eigenen Zukunft dienen", erklärt Studienleiter Harald Mahrer, "sie haben den Eindruck, die Reform kommt den Alten zugute." Warnender Nachsatz: "Die Jungen sind solidarisch gegenüber den Schwächeren in der Gesellschaft. Aber der Begriff ,Generationenvertrag' hat für sie nicht mehr die Bedeutung wie für die Älteren. Mit dem gesamtstaatlichen Schulterschluss können sie nichts anfangen. Ihre Solidarität hat dort ihre Grenzen, wo sich die ältere Generation gegenüber der jüngeren Generation aufgrund ihrer politischen Lobby einen Vorteil verschafft."

Und das passiert nach Meinung des jungen Österreich ganz massiv: Denn die überwiegende Mehrheit (66 Prozent) der Befragten beurteilt das heimische Pensionssystem als eher oder sehr schlecht, der Ruf nach einer finanziellen Entlastung der jungen Generation ist groß. 76 Prozent wollen eine Umverteilung von Alt auf Jung, 68 Prozent können sich sogar Zusatzabgaben für bestehende Pensionisten vorstellen - in der aktuellen politischen Debatte ein absolutes Tabu.

Satt haben die unter 35-Jährigen offenbar auch die politischen Beteuerungen, dass die aktuelle die letzte Pensionsreform für Jahrzehnte gewesen sei, oder, wie es Bundeskanzler Wolfgang Schüssel zuletzt nannte, ein "Werk für Generationen". 43 Prozent gehen davon aus, dass es eine gänzlich neue Reform geben muss. Die Präferenz dabei: eine einheitliche Pensionskasse für alle als Mindestabsicherung.

Nur in einem Punkt sind sich Ältere und Junge in Österreich offenbar einig: in der Ablehnung einer weiteren Erhöhung des Pensionsalters. Nur 18 Prozent sind dafür. "Der Arbeitsdruck ist schon in jungen Jahren enorm, wie soll dies bis 65 durchgehalten werden?", lautet eine in der Metis-Untersuchung immer wieder geäußerte Befürchtung.

Das junge Österreich kennt also die Schwächen und Stärken des Sozialstaates gut, sie ist die erste Generation, für die nicht die staatlich garantierte Pension, sondern das variable Pensionskonto zur Chiffre für die Altersvorsorge wird. Entsprechend großen Wert legt sie auf Gesundheit. Mahrer: "Noch nie war der Jugend Gesundheit so wichtig wie heute. Den meisten scheint klar zu sein: Wer länger arbeiten muss, der muss auch länger fit sein." Im Vergleich zum Pensionssystem schneidet das Gesundheitssystem auch deutlich besser in der Zukunftsumfrage ab. 67 Prozent der Befragten halten es für sehr gut oder gut.

Auch an die Politik hat die junge Generation einen klaren Wunsch: Sie will keine Zwei-Klassen-Medizin, eine Krankenkasse für alle Österreicher, einen radikalen Bürokratieabbau in der Krankenverwaltung und - das eigene Schicksal offenbar ganz klar im Auge - einen nationalen Plan für Altenpflege. (Der Standard, Printausgabe, 27.12.2004)

Von Barbara Tóth
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