Nordbahn zwischen zwei Ostbahnen

11. Februar 2005, 16:11
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Die Kursbuchstory: Der Fahrplanwechsel bei den ÖBB lässt die Kunden wieder an vielen Neuerungen laborieren - Abermals grassiert bei den Bundesbahnen die Taufwut

Möglicherweise wird man die Benützung des seit 12. Dezember gültigen Kursbuchs der Österreichischen Bundesbahnen im Geografieunterricht der Schulen untersagen müssen, um bei der nächsten Pisa-Studie eine weitere Verringerung des Bildungsstandards der Schüler zu verhindern. Neben der neuen Benennung zahlreicher Züge haben die ÖBB nun auch einzelne Strecken mit Namen versehen; diese kratzen jedoch an den geografischen Grundlagen. So gibt es neben der Ostbahn (Wien-Bruck/Leitha-Györ) auch eine Marchegger Ostbahn (Wien-Marchegg- Bratislava) und eine Laaer Ostbahn (Wien-Mistelbach-Laa/Thaya), obzwar letztere von der Hauptstadt schnurstracks nach Norden führt. Die Nordbahn (Wien-Hohenau-Breclav) verläuft also genau zwischen zwei Ostbahnen.

In der Millionenshow könnte man also auf die Frage, wo Norden liege, laut ÖBB auch die Antwort "zwischen Osten und Osten" zulassen. Dass die Nordwestbahn (Wien-Retz-Znaim) eine Nachbarlinie der Laaer Ostbahn ist, fällt kaum mehr ins Gewicht.

Damit auch im Westen unseres Landes Bahnbenützer ihren Anteil an Verwirrung abbekommen, hat man zwei Tauernbahnen installiert, von denen allerdings nur eine die Hohen Tauern im Tauerntunnel unterquert, nämlich die Strecke Salzburg-Villach. Auch die Linie Salzburg-Saalfelden heißt nun jedoch Tauernbahn.

Innere Aspangbahn

Neben einer Aspangbahn (Wiener Neustadt-Hartberg) findet sich auch eine "Innere Aspangbahn" (Wien-Kledering-Wiener Neustadt), deren geringe Bedeutung schon dadurch dokumentiert wird, dass sie zwar im Übersichtsplan eingezeichnet, aber seit drei Jahren ohne Fahrplannummer ist.

Die Strecke Wien-Mürzzuschlag heißt Südbahn, von Mürzzuschlag bis Graz und Spielfeld/Strass Steirische Südbahn, die Verbindungen von Wien nach Villach firmieren unter Südbahn Kärnten.

Obgleich kein einziger Zug mehr von Leobersdorf nach St. Pölten fährt, feiert die Südwestbahn fröhliche Urständ. Das frühere Fahrplanbild 811 (Krems- Grein-St.Valentin) hat man nun in St.Nikola/Struden in zwei Teile zerschnitten, ohne dass dies den Zeichnern des Übersichtsplanes aufgefallen wäre. Der Abschnitt St.Valentin-St.Nikola/Struden heißt Donauuferbahn, für die Etappe Krems-St.Nikola/Struden muss man bis zum nächsten Fahrplanwechsel im Dezember 2005 auf einen Namen warten. Den findigen und kreativen Autoren des ÖBB-Kursbuches dürfte sicher eine treffende Bezeichnung für eine Strecke einfallen, die durch die Wachau verläuft.


Schneller Strauß

Das vorgesetzte Allegro (schnell) ist für einen Zug fast ein Adelstitel, denn bei Allegro Johann Strauß und Allegro Stradivari verkürzt sich die Fahrzeit nach Venedig beträchtlich. Von Wien bis Tarvis brauchen die Züge nur 4.04 Stunden. Der EN235 Allegro Tosca (Wien-Rom) benötigt zwar schon 4.15 Stunden, verdient aber sein "schnell", weil er immerhin von Wien bis zur Grenze zu Italien um eine Minute weniger braucht als sein Vorgänger Remus.

Eine Reihe von Zugnamen sind verschwunden oder durch andere Bezeichnungen ersetzt worden. So mutierte der IC Joanneum zu Therme Oberlaa Wien, der ÖBB-EC Tiroler Landestheater zu Rote Nasen, der IC Österr. Galerie Belvedere zu Raiffeisen Capital Management. Nach wie vor verkehrt ein KELAG Energie Express auf der Süd- und einer auf der Westbahn; neben dem IC512 Stmk. Landesausstellung 05 (Graz-Innsbruck) findet man auf der Salzkammergutbahn den E 3410 Steirische Landesausstellung. (Bernd Orfer, Der Standard, Printausgabe, 27.12.2004)

  • Möglicherweise wird man die Benützung des seit 12. Dezember gültigen Kursbuchs der Österreichischen Bundesbahnen im Geografieunterricht der Schulen untersagen müssen
    foto: oebb

    Möglicherweise wird man die Benützung des seit 12. Dezember gültigen Kursbuchs der Österreichischen Bundesbahnen im Geografieunterricht der Schulen untersagen müssen

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