Augenzeugen: "Atolle zum Teil komplett zerstört"

26. Dezember 2004, 18:20
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Urlauber in Phuket und auf den Malediven schildern dramatische Minuten

Aus Male: "Atolle zum Teil komplett zerstört"

In der Hauptstadt der Malediven haben am Sonntagnachmittag erste Aufräumarbeiten nach der Überflutung begonnen. "Das Wasser in Male ist abgelaufen, und Hunderte von Menschen sind damit beschäftigt, die Ufer mit Sandsäcken zu verbarrikadieren, weil in einigen Stunden mit einer Rückwelle gerechnet wird", sagte der Pilot Dieter Malina (43). Der aus Österreich stammende und bei Hamburg lebende Malina befindet sich zur Zeit in Male, wo er bei der Überführung eines Flugzeugs nach Jakarta einen Zwischenstopp zum Tanken einlegen wollte.

"Tanken konnte ich noch, aber dann kam die große Flutwelle und überschwemmte alles. Ich konnte mich auf das Dach meines Flugzeugs retten", erzählte Malina. Viele Menschen am Flughafen wurden durch umherwirbelnde Container oder Fahrzeugteile verletzt. "Nach etwa einer Stunde war alles wieder abgelaufen. Derzeit ist es hier trocken. In den Hauptstadt-Cafes sitzen die Menschen sogar schon wieder und versuchen, business as usual zu machen", sagte der Pilot.

Auf dem Flughafen von Male stünden sieben Großraumflugzeuge, die ebenso wie viele kleinere darauf warteten, dass der Airport wieder geöffnet wird. "Etliche deutsche Urlauber hier kämpfen mit dem Schrecken und haben zum Teil all ihre Habseligkeiten verloren. Manche berichteten, dass gesamte Hotelanlagen ins Meer gespült wurden."

Die Flutwelle sei mit riesiger Wucht auf die Insel geprallt. "An der Kaimauer wurden tonnenschwere Steine losgerissen und ins Meer gespült", sagte Malina. Das sei jedoch alles kein Vergleich zu den Verwüstungen auf zahllosen kleinen Malediven-Inseln, die teilweise nur ein bis zwei Meter aus dem Meer herausragten: "Was auf den Atollen los ist, wage ich mir gar nicht vorzustellen."

Aus Phuket: "In Sekunden stand uns das Wasser bis zum Hals"

Die Urlaubsidylle wurde binnen Sekunden zum Albtraum: Der Österreicher Kurt Jost saß gerade im neu renovierten "Friendship Beach Resort" an der Ostküste Phukets rund 20 Meter vom Strand entfernt bei Spiegeleiern und Schinken beim Frühstück, als völlig unvermittelt die Flut über das Freizeitparadies hereinbrach. "In Sekunden trieben wir mit dem Wasser bis zum Hals", so Jost im APA-Interview.

"Wir hatten weder eine Welle gehört noch gesehen", schilderte Jost. Im nächsten Augenblick fand sich der Urlauber etwa 30 bis 40 Meter weiter auf einem Billardtisch wieder: "Überall waren schreiende Menschen, Stühle, Tische, Eimer, jede Menge Plastik, Kisten, Flaschen schwammen vorbei in Richtung Meer. Alles wurde in diesem kurzen Moment vollkommen verdreckt und mit Holzstücken und Müll zugedeckt."

"Nach einem kurzen Moment der Verwirrung suchte und fand ich meine Frühstückspartner. Zwar völlig verdreckt von unten bis oben wie auch ich selbst, aber heil", so Jost. Im Ort bot sich ein chaotisch Bild: "Überall sahen wir rennende Thais, so liefen wir auch los auf den rettenden Hang zur Hauptstraße. Innerhalb weniger Minuten sammelte sich dort eine große Menschenmenge, auf das ablaufende braune Wasser starrend. In diesem allgemeinen Geschrei verstand ich nur Bruchstücke. Man sprach von 'zerstörten Hütten, vermissten Freunden und gekenterten Longtails (Holzbooten).'"

"Viele der Einwohner hier sitzen auf den Anhöhen und schauen aufs Meer, warten auf die Nachbeben. Man spürt die Trauer der Menschen, in ihren Bewusstsein der vielen Toten, der großen Zerstörung, des Leid, des riesigen materiellen Schadens. Es ist eine furchtbare Stimmung greifbar", sagte Jost.

Aus Phuket: "Sind um unser Leben gerannt"

Ein weiterer Augenzeuge der Flutwelle in Südasien hat die Situation in der thailändischen Stadt Phuket als katastrophal beschrieben. "Der Boden fing an zu wackeln, die ganzen Thai-Leute kamen uns entgegen gelaufen und haben geschrien 'water comes, water comes, water comes", sagte der aus Thailand zugeschaltete Journalist Chris Arend am Sonntag im ZDF. "Überall war Panik. Ich habe mich umgedreht und sah nur noch Autos und Mopeds durch die Lüfte fliegen. Es war eine absolute Katastrophe, man kann es sich gar nicht vorstellen.

"Wir sind wirklich um unser Leben gerannt. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben solch eine Todesangst gehabt", sagte Arend. "Wo gestern Abend noch Menschen gesessen und gefeiert haben, ist heute ein absoluter Trümmerhaufen. Phuket, eine Stadt, wo eine Hochsaison zur Zeit ist, ist zerstört." Aus der Ferne habe er gesehen, dass Leichen am Strand gelegen hätten.

Aus Phuket: "An der Küste ist alles zerstört"

Die Küstenregionen der thailändischen Ferieninsel Phuket sind nach weiteren Augenzeugenberichten von Kärntner Touristen völlig zerstört. "Alle Bauten, aber auch die Buchten wurden vernichtet", erklärte Margarethe Wachschütz, die sich mit ihrer Reisegruppe auf einen Berg flüchten konnte.

Wachschütz erklärte im Telefoninterview mit dem ORF-Radio Kärnten, sie hätte sich mit ihrer Gruppe gerade an der Küste befunden, als die verheerende Flutwelle auf sie zu raste. "Wir konnten im letzten Moment entkommen", schilderte sie die dramatischen Augenblicke. Die Zerstörungen in Küstennähe sind gewaltig, der Tsunami walzte alles nieder, was sich ihm in den Weg stellte.

Ganz ähnlich der Bericht der Kärntnerin Jennifer Hutter, die mit ihrem Freund nach Phuket auf Urlaub gefahren war. Die beiden flüchteten ins Landesinnere, ein Blick zurück ergab laut Hutter: "Am Meer steht überhaupt nichts mehr." Das Pärchen begab sich, ebenso wie Tausende andere Touristen, im Inselinneren auf die Suche nach Notunterkünften. Da sich die meisten Hotels auf Phuket in Küstennähe befinden und vielfach zerstört wurden, dürfte es sehr schwierig werden, ein Dach über dem Kopf zu finden. (APA/Reuters/Red)

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