Ermahnung des Wortkünstlers in der U-Bahn

28. Dezember 2004, 19:48
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Mittwochabend aber war es einigen Passagieren vergönnt, einem neuen Höhenflug der Wortkunst im Wiener Untergrund beizuwohnen

Wien - Von den meisten Fahrern in der Wiener U-Bahn hört man meist ja nur ein gedehntes, gutturales "Uuuuab", das vor einigen Lautverschiebungen einmal als "Zug fährt ab", artikuliert wurde. Doch es gibt auch ausgesprochen rühmliche Ausnahmen. Da wäre etwa jener Fahrer, der gelegentlich nach einem Gedrängel an ein, zwei Eingängen seine Fahrgäste daran erinnert, "dass dieser U-Bahn-Zug mit 110 Metern nur um 27 Meter kürzer ist, als der Stephansdom hoch ist, und überdies über weit mehr Ein- und Ausstiege verfügt als jene am Zugende."

"Zuuug fährt ab"

Mittwochabend aber war es einigen Passagieren vergönnt, einem neuen Höhenflug der Wortkunst im Wiener Untergrund beizuwohnen. Ein Zug der Linie U 3 fährt in Richtung Simmering. Halt in der Station Stephansplatz, es ertönt das "Zuuug fährt ab", die Türen schließen sich, werden aber gleich wieder geöffnet. Erst nach einer geraumen Zeit schließen sich die Türen neuerlich und endgültig. Auf der Weiterfahrt ertönt dann folgende Durchsage:

"Werter Mitreisender in der Zugmitte. Wenn Sie sich nach Abfertigung des Zuges mit - ich möchte fast sagen - Todesverachtung zwischen die sich schließenden Türen werfen und im Anschluss daran überdies den Allerwertesten herausstrecken, damit sich Ihre Freundin, die sich noch in der Rotenturmstraße befindet, einsteigen kann, dann tun sich, ehrlich gesagt, bei mir schon einige Fragen auf. Was natürlich nebstbei bemerkt vollkommen unwesentlich und bedeutungslos ist. In diesem Sinne wünsche ich noch eine gute Fahrt und einen wunderschönen und entspannten Abend."

In der Station Stubentor steigen ein paar Passagiere aus, gehen nach vorne und akklamieren dem Fahrer. Der winkt aufgeräumt freundlich zurück. (frei)

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