Jeder Bürger ein (Lokal-)Reporter

7. Februar 2005, 17:16
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Das Internet ist längst Sprachrohr seiner Nutzer - Diese tun ihre Meinungen immer häufiger in gut organisierten Onlinelokalzeitungen kund

Beflügelt von "Blogs", den Tagebüchern im Internet, ist jetzt ein neuer Boom für Interaktivität bei Medien zu beobachten: Seit wenigen Wochen publiziert selbst die renommierte "Le Monde" Blogs von Lesern Seite an Seite mit denen der eigenen Redakteure. "Citizen Journalism" - frei übersetzt: Die journalistische Miliz - breitet sich aus, auf lokaler wie nationaler Ebene.

Prototyp "Northwest Voice"

Ein Prototyp dieser Onlineentwicklung ist eine Onlinelokalzeitung namens "Northwest Voice", die von der Regionalzeitung Bakersfield Californian im Mai 2004 gegründet wurde. Eine einsame Redakteurin, insgesamt vier Mitarbeiter, keine bezahlten Reporter; der Inhalt wird von den Lesern geliefert.

Diese müssen sich dazu registrieren (es gibt keine anonymen Postings) und schreiben ihre Geschichten in Onlineformulare unter verschiedenen Rubriken wie Nachrichten, Events, Fotos, Leserbriefe. Die hauptamtliche Herausgeberin - Mary Lou Fulton, zuvor Redakteurin bei washingtonpost.com - sieht die Einsendungen durch, zensiert sie aber nicht und schreibt sie auch nicht um. Nicht veröffentlicht werden nur Nachrichten, die nicht lokaler Natur sind oder für Firmen werben.

"Best of"-Printversion

Alle zwei Wochen wird eine "Best of"-Printversion der Voice gedruckt und an rund 21.700 Haushalte verteilt; die darin geschalteten Inserate örtlicher Geschäfte (die auch online erscheinen) finanzieren die Onlineausgabe, die nach eigenen Angaben ausgeglichen bilanziert.

Ein anderes Beispiel für die "Milizjournalisten" kommt aus Südkorea, beschreibt James Borton in der "Asia Times Online". Drei große Massenzeitungen kontrollieren in Südkorea die öffentliche Meinung. Aber Breitbandinternet (Korea ist das Land mit der weltweit größten Dichte an Breitbandanschlüssen) hat die Gleichung verändert: 32.000 "Citizen Reporters" schreiben für das Onlinemedium "OhmyNews", das 2000 gegründet wurde.

Wahlentscheidend

"OhmyNews" hat seine politische Relevanz inzwischen bewiesen: Als Exitpolls im Verlauf der Wahl Ende 2002 voraussagten, dass der 56-jährige Reformkandidat Roh Moohyun das Rennen verlieren würde, löste dies eine Sturmwelle unter den über "OhmyNews" organisierten technologie-affinen Anhängern des Kandidaten aus. Innerhalb von Minuten wurden Millionen von E-Mails und SMS verschickt mit Wahlappellen für den von den großen Medien abgelehnten Roh. Am Ende des Tage gewann der Außenseiter mit einem Vorsprung von 2,3 Prozentpunkten.

"OhmyNews" zählt zu den Top fünfzehn Websites Südkoreas, schaffte nach eigenen Angaben 2003 eine ausgeglichene Bilanz und macht seither einen monatlichen Gewinn von 27.000 Dollar. Die "Citizen Reporter", die je nach Platzierung und Zugriffe für ihre Beiträge zwischen fünf und 20 Dollar bekommen, sorgen für 80 Prozent des Inhalts, nur ein Fünftel kommt vom professionellen Stab der Site, die von Nachrichten, Politik, Sport bis Unterhaltung die übliche Küche eines Tagesmediums anbietet. Tendenz: "Anticorporate, Antiregierung und häufig massive Antiamerikanisch", diagnostiziert Borton.

WikiNews "sucht noch Autorinnen und Autoren"

Eine andere Form eines quasi demokratischen Onlinejournalismus auf nationaler und internationaler Ebene wird seit wenigen Wochen von WikiNews.org erprobt; die deutsche Website startete am 3. Dezember und "sucht noch Autorinnen und Autoren".

Zusammenarbeit zählt

WikiNews folgt dem Konzept des seit Längerem etablierten Onlinelexikons WikiPedia und der Open-Source-Softwareentwicklung: Ehrenamtliche Autoren liefern Beiträge (bei WikiPedia nach lexikalischen Begriffen, bei WikiNews nach Aktualitäten), unterziehen sich zur Verifikation eines "Peer Review" und einer Überarbeitung wie bei wissenschaftlichen Zeitschriften. Interessant ist auch der Ansatz, wie Artikel entstehen (sollen): in kollaborativer Form, bei der schon in der Entstehung von Artikeln diese in einem öffentlichen Redaktionssystem eingesehen, kommentiert und ergänzt werden können.

Eigentlich ein Konzept wie aus dem Lehrbuch des Kritischen Rationalismus von Sir Karl Popper - Wahrheit per se ist nicht möglich, was der Wahrheit am nächsten kommt entsteht durch Intersubjektivität und Falsifikation. Im Internetzeitalter wäre die größtmögliche Intersubjektivität die Zahl aller User. (Helmut Spudich/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2004)

  •  Leser sind im Internetzeitalter nicht mehr passiv, sondern können jederzeit und allerorts selbst zu Journalisten werden.
    foto: montage

    Leser sind im Internetzeitalter nicht mehr passiv, sondern können jederzeit und allerorts selbst zu Journalisten werden.

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