Italien: Lehrerin riss Kruzifix von der Wand

27. Dezember 2004, 11:15
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In Ivrea kam es neuerlich zu einem Eklat um Kreuz in einem Gymnasium

Rom - Die Polemik um das Kruzifix in den italienischen Schulklassen hält an. Für Schlagzeilen sorgt nun wieder ein Streit um das Symbol des christlichen Glaubens, der vor einigen Tagen in einem Gymnasium in der norditalienischen Stadt Ivrea zwischen einer Lehrerin und ihren Schülern ausbrach.

"Das Kreuz ist ein Symbol unserer Kultur und Tradition", sagten die Schüler in einem Disput darüber, ob ein Kreuz in ihrer Klasse hängen bleiben solle oder nicht. Das Bekenntnis der Schüler zu dem Kruzifix löste bei der Lehrerin derartige Empörung aus, dass sie das Kreuz von der Wand riss und zu Boden warf. Daraufhin organisierten die Schüler einen Protest und forderten den Eingriff des Schuldirektors zur Beilegung des Streits.

Schule kauft Kreuze

Schulleiter Mario Di Vittorio beschloss, dass Klassen, die dies fordern würden, ein Kreuz aufhängen dürfen. Die Schule werde Kreuze kaufen, sagte er. "Es tut mir Leid, dass gerade in der Weihnachtszeit um ein Symbol des Christentums ein derartiger Streit ausgebrochen ist."

Mit der umstrittenen Lehrerin erklärten sich mehrere muslimische Verbände in Italien solidarisch. Die vatikanische Tageszeitung L'Osservatore romano warnte vor zunehmender Intoleranz gegenüber christlichen Symbolen.

Das Thema Kruzifix in den Schulklassen ist in Italien seit Monaten eine heikle Angelegenheit. Am Mittwoch der Vorwoche hatte das italienische Verfassungsgericht entschieden, dass Kreuze nach wie vor in den italienischen Klassenzimmern bleiben dürfen. Damit sollte die Debatte beendet werden.

"Zumutung"

Im Vorjahr hatte ein Richter in den Abruzzen angeordnet, das Kruzifix aus Klassenzimmern einer Schule in Ofena zu entfernen. Ein Muslim hatte argumentiert, der Anblick des Kreuzes sei eine Zumutung für seine Kinder.

Richter Mario Montanaro urteilte daraufhin, das Anbringen des Kreuzes sei ein Zeichen dafür, dass der Staat den katholischen Glauben als zentral erachte und andere Religionen weniger wertschätze. Demnach dürfe es in Klassenräumen gar keine religiösen Symbole geben.

In den Streit um das Kreuz hatten sich Politiker bis in höchste Kreise eingeschaltet. Italiens Staatspräsident Carlo Aziglio Ciampi hatte das Kruzifix im Herbst des Vorjahres als "Symbol gemeinsamer Werte" bezeichnet.

Bei einer Umfrage Anfang November des Vorjahres hatten sich 81 Prozent der Italienerinnen und Italiener für das Aufhängen von Kruzifixen in den Schulen ausgesprochen; 16 Prozent der Befragten sind gegen Schulkreuze, drei Prozent äußerten keine Meinung zu diesem Thema. (APA, red/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2004)

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