Chinas Spielzeughersteller fürchten Krise

29. Dezember 2004, 09:51
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Spieleindustrie beklagt schlechtes Weihnachtsgeschäft und Absatzschwierigkeiten

Chinas gigantische Spielzeugindustrie, die jeden zweiten deutschen Kinderspielartikel und 75 Prozent aller Spielwaren in der Welt herstellt, klagt erstmals über schlechte Geschäfte. Explodierende Rohstoff- und Ölpreise haben den Billigproduzenten seit Sommer die Eigenrechnung bis zu 30 Prozent verteuert.

Zugleich werden sie ihre Nikoläuse, Weihnachtspyramiden, Christbaumschmuck oder Unmengen an elektronischem Spielzeug in Europa immer schwerer los. Ausgerechnet zur goldenen Zeit des Weihnachtsgeschäfts türmen sich dort Mauern auf, jammert Chinas Branche.

Pekings Zeitung Xinjingbao zählt einige ihrer Klagen auf: Russlands Verbrauchervereine laufen gegen giftige Rückstände in chinesischem Plastikspielzeug Sturm, skandinavische Länder beschlagnahmen tonnenweise kopierte Lego-Bausteine, Medien und Verbände in Deutschland prangern die Ausbeutung der Billigarbeiter in Chinas Blut-und Schweißfabriken an. Die EU baue neue Hürden auf, von der geplanten Hersteller-Rücknahmepflicht für elektronischen Müll ab Mitte 2005 bis zum Bann von Schadstoffen in Spielzeugartikeln ab Mitte 2006.

Milliardenindustrie

Die Zeitung Beijing Wanbao berichtete nun von ersten Einbrüchen im Weihnachtsgeschäft. Chinas Zoll verbuchte im November die Ausfuhr von Weihnachtsartikeln 25,4 Prozent unter dem Vorjahresergebnis. Die wachstumsverwöhnte Milliardenindustrie, von der längst alle internationalen und auch deutschen Markenhersteller produzieren lassen, gibt sich verschreckt.

Zahlreiche Betriebe für Weihnachtsschmuck an Chinas Südküste in Fujian gingen im Spätsommer in Konkurs; die Zuwachsraten des Gewerbes verlangsamten sich in den ersten neun Monaten dieses Jahres.

2003 hatte China mit doppelstelligen Wachstumsraten weltweit für mehr als sechs Mrd. Euro Spielwaren ausgeführt. 3,5 Millionen Beschäftigte arbeiten zu Niedrigstlöhnen in den 8000 Spielzeugfabriken. Bei ihnen kostet etwa die Herstellung einer einfachen Barbiepuppe kaum 40 Cents. Daneben existieren tausende unregistrierter Familienbetriebe, die es noch billiger machen.

Selbst die staatliche Beijing Review schreibt von mehr als 10.000 Betrieben in Chinas Spielzeugindustrie. Schutzverbände von der deutschen Miseor bis zur Verbraucherzentrale prangern immer wieder illegale Kinderarbeit, brutale Ausbeutung und grausame Arbeitsbedingungen an und fordern zu einer "Aktion Fair" und zu "Sozialsiegeln" auf.

Chinas Spielzeugverband (China Toy Association) hat auf die Angriffe inzwischen reagiert. Er hat seine Mitglieder angewiesen, bis 2006 internationale Mindeststandards zu erfüllen oder nicht mehr exportieren zu dürfen. Die Standards richten sich nach dem Verhaltenskodex des Weltverbands der Spielwarenindustrie.

Billigbranche

Die Billigbranche spürt die Krise, ihren Kostenvorteil zu verlieren. Ihr laufen seit dem Sommer die Bauernarbeiter in Massen weg. Sie verdienen inzwischen auf ihren Feldern wieder mehr als in den Fabriken. Viele Unternehmen kalkulieren ihre Produktion mit so niedrigen Margen, dass sie die Löhne nicht erhöhen können.

Als in Kanton, Hauptstand der Provinz Guangdong, wo die meisten Spielzeughersteller sitzen, am 1. Dezember die Mindestlöhne für die untersten sieben Lohnklassen nur um durchschnittlich 20 bis 55 Cents pro Tag angehoben wurden (auf monatlich 35 Euro für die niedrigste Stufe und 68 Euro für die siebte Stufe) war das zu viel: Betriebsdirektoren protestierten gegen ihre unerträgliche Mehrbelastung bei der Provinzführung. (Johnny Erling aus Peking, Der Standard, Printausgabe, 24.12.2004)

  • China ist der Spielzeuglieferant der Welt: 75 Prozent aller Spielsachen werden im Reich der Mitte gefertigt
    foto: epa/bradshaw

    China ist der Spielzeuglieferant der Welt: 75 Prozent aller Spielsachen werden im Reich der Mitte gefertigt

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