Wunschlos (un-) glücklich

8. Februar 2005, 16:14
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In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat...", beginnt das Märchen vom Froschkönig - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat...", beginnt das Märchen vom Froschkönig, das von der Kraft des Wünschens erzählt. Nichts lebt mehr davon als die Weihnachtszeit, auch wenn nach Curt Marti "die Ware Weihnacht nicht die wahre Weihnacht" ist. Das steirische Postamt in Christkindl hat mehr als 80 Millionen Briefe seit 1950 beantwortet, über zwei Millionen allein im vergangenen Jahr. Besonders häufig gewünscht: Playmobil, Lego und Ipod. Wenn das innig ersehnte kurz danach unbeachtet in der Ecke liegt, sollten wir uns nicht wundern, denn es ist nicht die Erfüllung der Wünsche, sondern das Wünschen selbst, das Freude macht.

So gibt es nach Bernard Shaw zwei Tragödien im Leben: Die eine ist, dass man sich einen Herzenswunsch nicht erfüllen kann, die andere, dass man sich seinen Herzenswunsch erfüllt hat. Das komplexe Verhältnis zwischen Wunsch, Realität und Glück zeigt sich besonders, wenn das Fest der Liebe im trauten Familienkreis sich zum Fest des Streits verwandelt: Telefondienste haben Hochkonjunktur, die Suizidraten steigen. Die Glücksforschung hat eindrücklich nachgewiesen, dass sich das individuelle Wohlfühlbarometer immer wieder um den gleichen Wert einpendelt - die Halbwertszeit der Hochgefühle ist kurz, vor allem bei negativen Ereignissen. Dabei spielen Wünsche auf dem Weg zum Glück eine entscheidende Rolle, denn sie geben die Energie zum aktiven Handeln - die eigentliche Quelle der Lebensfreude:

  • Wünsche sind Wachstums- und Lebenselixier: Der Wunsch, am New-York-Marathon teilzunehmen, motiviert uns jeden Morgen, bei Wind und Wetter zu trainieren, auch wenn wir letztlich den Marathon nicht laufen. Große Wünsche stehen am Anfang aller großen Leistungen. Im Umkehrschluss führt Wunschlosigkeit zu Apathie. Steigerung ist nach dem Soziologen Schulze das anthropologische Basisprogramm des Menschen - das "Mehr ist besser" eine Art Trick der Natur, um zu neuen Taten zu motivieren. In einer Überflussgesellschaft bezieht sich dies zunehmend auf Immaterielles und äußert sich in der extremen Erlebnisorientierung einerseits und in der Suche nach immateriellen Werten - wie Identität, Sicherheit und Zugehörigkeit - in den Marken und Waren andererseits.

  • Wünsche schaffen produktive Konflikte: Elfriede Jelinek hat kürzlich in einem Interview gestanden, dass ihre unerfüllten Wünsche die Quelle ihrer schöpferischen Kraft waren: Gewünscht hätte sie sich jemanden, der sie in die Welt hinausnimmt, stattdessen musste sie sich ihre eigene Welt schaffen. Der Psychoanalytiker Ehrenberg weist in seinem Buch "Das erschöpfte Selbst" auf die zunehmende Belastung durch die erweiterten Wahlmöglichkeiten hin: Je mehr Möglichkeiten, desto schwerer die Wahl und umso größer die Unsicherheit, das Falsche gewählt zu haben. So geben wir uns selbst die Schuld, wenn die Glückssuche misslingt. In der reflexiven Moderne spielt daher die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen zu versöhnen, einen Konsens oder Kompromiss herbeizuführen und mit permanenten Zweifeln umzugehen, eine wesentliche Rolle auf dem Weg zum Glück.

  • Die richtigen Wünsche als Wegweiser zum Glück: Glücksforscher Gilbert konnte das Auseinanderdriften von Prognose und tatsächlich eingetretenem Gefühl bei Menschen nachweisen. Immer mehr Menschen unterliegen einem falschen "affective forecasting". Sie überschätzen systematisch die Intensität und Dauer ihrer Gefühle beim Eintreffen bestimmter Ereignisse. Selbst wenn die größten Albträume Realität werden, lernt der Mensch, damit umzugehen. Vielen geht es wie Graf Vronsky in Tolstois Anna Karenina: Auf vielen hundert Seiten sehnt er sich nach ihr, um danach festzustellen, das die Erfüllung seiner Sehnsucht ihm weitere hundert Seiten Leere bringt. Je besser wir wissen, was uns glücklich macht, desto gezielter können wir im Entscheidungsdickicht den richtigen Weg finden. (Der Standard, Printausgabe, 24.12.2004)
  • Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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