Der Schneemann von Wien

28. Dezember 2004, 15:46
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Der schönste Schnee fällt nicht vom Himmel - er kommt aus einer Firma in Wien-Hernals

Wien - Heuer musste sich Erwin Perzy III. noch bei niemandem entschuldigen. "Wenn in Wien das Schneechaos ausbricht", lacht Erwin Perzy III., "sage ich immer, dass uns in der Produktion wohl was ausgekommen sein muss." Und ein bisserl wirkt der 48-Jährige so, als täte es ihm Leid, dass er diesen Schmäh heuer noch nicht anbringen konnte.

Schließlich lebt Perzy nicht nur von, sondern auch für Geschichten vom Schnee. Auch wenn der, um den es in seiner Welt geht, nur ganz selten tatsächlich fällt - jedenfalls auf den echten Boden. Trotzdem überzuckert Erwin Perzy III. ganze Landstriche mit Schnee. So wie schon sein Vater, Erwin Perzy II. So wie schon sein Großvater, Erwin Perzy I. Und so wie - "hoffentlich, das wäre mein Traum", sagt Erwin Perzy III. - irgendwann einmal seine derzeit gerade 15-jährige Tochter. Auch wenn die naturgemäß nicht Erwin heißt.

Das Geschlecht der Perzys stellt nämlich Schneekugeln her. Mehr noch: Es hat sie erfunden. Und seit mittlerweile 104 Jahren wird ihr Geheimnis (eigentlich: das patentierte Geheimnis der leise im Wasser rieselenden Flocken) in der Hernalser Familie nach dem dynastischen Prinzip weitergegeben - und werden die Produkte in alle Welt vertrieben.

"Schneekugeln", schwärmt der derzeitige Hüter des vom Großvater einst zufällig entdeckten Flockengeheimnisses, "erfüllen eine wichtige Aufgabe: Sie bremsen. Gerade in einer hektischen, schnellen Zeit kann das langsame Rieseln angenehme Ruhe ausstrahlen." Und dass das funktioniert, erlebt der Kugelbauer immer wieder: "Bei uns kaufen Unternehmen ein, deren Marketingleute die paar Werbeschneekugeln aus der Portokassa bezahlen. Aber wenn sie in die Kugeln reinschauen, sind sie gar nicht mehr tough, da werden sie ganz weich."

Wie viele Kugeln er (und sein Vater und natürlich der Großvater) insgesamt schon entworfen und fertig gestellt hat, weiß der Chef von zehn Mitarbeitern nicht. Derzeit, schätzt ein Mitarbeiter, habe man 150 Kugelmotive im Programm - aber für Wünsche und Sonderwünsche, betont Perzy, sei man immer offen.

Für alle Wünsche? Perzy schüttelt den Kopf. Nacktheit oder "sexuelle Inhalte" wären kein Problem - aber alles, was mit Krieg oder Waffen zu tun habe, kommt ihm nicht in die Kugel: Wer einen Panzer im Schnee will, der möge sich an die Nachahmer bei der Konkurrenz wenden: "Jede Schneekugel ist eine schöne, kleine, heile Welt. Gewalt gehört nicht in diese kleine, heile Welt."

Lehrbehelf

Eine Welt, die im Übrigen nicht nur als kultig-herziges bis kitschig-liebes Mitbringsel, Souvenir oder freundliches Giveaway ihre Existenzberechtigung hat, betont der Schneehersteller mit einem gewissen Stolz: "Wir beliefern das Unterrichtsministerium in Dubai. Die Kugeln werden dort im Unterricht verwendet - um den Kindern zu zeigen, wie es aussieht, wenn Schnee fällt." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2004)

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    Für manche sind Schneekugeln das Souvenier schlechthin, für andere nur nutzloser Staubfänger.

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