Hallen, Höhlen und andere Sensationen

29. Dezember 2004, 22:13
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Kindermuseen können wettmachen, was Eltern und Normen verbieten: Raum ertasten, erfahren, erleben

Der Weg in die Erwachsenenwelt führt für Kinder - vor allem für Kinder, die in Städten aufwachsen - über Normen. Vom Sitzbankerl bis zum Krabbelbaum, vom Kindergartenkuscheleck bis zum Klassenzimmer: Alles ist genormt, alles ist abgesichert und alles ist vor allem so gestaltet, dass sich die lieben Kleinen auf gar keinen Fall wehtun können.

In dieser überbetont sicheren Welt bleibt dabei einiges auf der Strecke. Zum Beispiel die elementare Erfahrung, dass man irgendwo auch herunterfallen und sich dabei durchaus wehtun kann - oder, ganz wichtig, die Sensation sehr große und ganz kleine Räume, verschiedenste Dimensionen und Volumina zu spüren und im besten Sinne des Wortes für sich zu er-leben.

Die Kinder- und Entwicklungspsychologie weiß, dass die Erfassung des Raumes und des Dreidimensionalen eine äußerst schwierige und komplexe Angelegenheit für das sich entwickelnde Gehirn darstellt, die bereits in ganz jungen Jahren geübt und immer wieder trainiert werden muss. Hirn und Leib gehören bekanntlich zusammen, und wenn dieses wichtige Zusammenspiel nicht rechtzeitig geübt wird, können die daraus folgenden Erfahrungsdefizite später nicht mehr wettgemacht werden.

Kinder, so sagt die Museumsexpertin und ehemalige Zoom-Kindermuseum-Leiterin Claudia Haas, müssen sich die Räume vor allem "ergehen", um sie erfassen zu können. Die Gelegenheiten dafür schwinden in der gebauten Umwelt, man hält sich zumalen in den genormten Schuhschachteln der Wohnbauten oder auf Spielplätzen auf, die wenig Freiheit für das körperliche Experimentieren und Selbsterfahren lassen.

Es gibt tatsächlich Volksschüler, die zeitlebens noch nie Waldräume, Kirchenschiffe oder andere Säle betreten haben, von den haptischen, olfaktorischen und anderen Sensationen, die Bäumeklettern, Feuerlheizen, Forellenbraten und ähnliche zivilisatorische Ungeheuerlichkeiten bieten, wollen wir hier lieber ganz schweigen.

Zurück zur Architektur: Hans Hollein etwa ist einer jener Architekten, die bewusst diese wichtigen Raumerlebnisse in die Planung von Schulen mit einbeziehen und dieses Anliegen auch immer wieder artikulieren. Doch auch für die Noch-Kleineren beginnen Kommunen und ArchitektInnen Räume bereitzustellen, die die Erfahrungswerte der Kinder deutlich bereichern können.

Vor einem Jahr wurde beispielsweise in Graz ein Kindermuseum eröffnet, dessen Architektur als vorbildlich bezeichnet werden kann. Zum einen haben die Architekten Hemma Fasch und Jakob Fuchs sehr sorgfältig recherchiert, wie es aussieht, wo Kinder sich wohlfühlen. Zum anderen hat sich Graz - bei zwar knappem Budget und einer durch das Kulturhauptstadt-Jahr 2003 enorm kurz vorgegebenen Bauzeit - ein Musterbeispiel geleistet, das für andere Städte Vorbildwirkung haben dürfte.

Das Grazer Kindermuseum empfängt seine kleinen Besucher und Besucherinnen mit einem heimeligen, betont niedrigen Raum, von dem aus allerdings sofort Einsichten in die folgenden Räume und die darin enthaltenen, aufregenden Spielmöglichkeiten getan werden können. Die einzelnen Bereiche dieses sehr offenen, barrierearmen Hauses können rasch erfasst werden, das heißt, die Kinder können sich optimal orientieren und wissen an jeder Stelle und zu jedem Zeitpunkt genau, wo sie sich befinden.

Fasch und Fuchs haben aus sehr schwierigen Bebauungsbedingungen durch planerisches Können das optimale Raumgebilde entworfen: Das Museum entwickelt sich in verschiedenen Ebenen, es bietet sehr hohe und auch ganz niedrige Raumzonen, es holt durch großzügige Glasbänder die Umgebung des Parks, in dem es steht, ständig in das Haus herein, und es verführt seine kleinen Besucher dazu, sich auch einmal in ausgesprochen gemütlichen, niedrigen Zonen hinzuknotzen, aus dem Fenster zu schauen und vielleicht ein bisschen auszuspannen.

Das Grazer Kindermuseum kommt dem, was sich Claudia Haas unter einem idealen Kinder-Spiel-und-Ausstellungshaus vorstellt, sehr nahe. "Kinder sind heutzutage viel zu wenig allein", meint sie zum Beispiel, und deshalb wären neben den wünschenswerten betont unterschiedlichen Raumhöhen vor allem auch Rückzugsmöglichkeiten, wie geschützte Winkel und Ecken bis hin zu höhlenartigen Räumchen sehr gefragt.

Das Wiener Pendant, das Zoom-Kindermuseum im Museumsquartier, glänzt weniger durch seine eher uninspirierten, weil vorgegebenen Räumlichkeiten, als durch seine Möblierung, die von der Architektengruppe Pool stammt, und durch die aufwändigen, sehr liebevollen Themen-Ausstellungen, die über 100.000 kleine bis mittelgroße Besucher pro Jahr anlocken.

Derlei Ausstellungsgestaltung übernehmen sehr oft Architekten, doch sind die in ihren gestalterischen Möglichkeiten einmal mehr äußerst limitiert, denn die Sicherheit jeder Installation steht deutlich im Vordergrund. Haas, die große internationale Museumsinstitutionen wie etwa den Pariser Louvre professionell berät, erinnert sich an die eher wilderen Zoom-Anfangszeiten zurück: "Wir hatten nie sonderliche Ängste, doch dass sich bei so vielen Besuchern einmal ein Kind wehtut, ist ziemlich wahrscheinlich." Die daraus folgenden Klagen und rechtsanwaltlichen Schritte ebenso, weshalb man eher den Weg in sicherere - und damit auch etwas langweiligere Gefilde und Ausstellungsarchitekturen einschlug.

Fazit: Institutionen wie jene in Wien und Graz sind äußerst zu begrüßen, sie können jedoch nur bedingt ersetzen, was Wald, Wiese, Baumhaus den Landkindern bieten. Wer diese Haltung der Reaktion zuschreibt, möge einmal vor Ort die Beobachtung anstellen und mit ungeübteren Stadtkindern Bäumekraxeln und Gatschhupfen gehen. Die Bewegungsarmut bis hin zur -unfähigkeit werden Alarmglocken schrillen lassen. Für Haas stellt das Eingesperrtsein in kinderungerechten Stadträumlichkeiten jedenfalls eine "ungeheure Sinnesverarmung" dar. Räumliche und körperliche Erfahrungen gehören zur Menschwerdung wie das Sprechenlernen, also rein in Hallen und Höhlen, und getrost zurück auf die Bäume.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26.12.2004)

Von Ute Woltron
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