Andrzej Szczypiorski: "Die schöne Frau Seidenman"

23. Dezember 2004, 19:03
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Die Geschichte scheint eine Botschaft zu haben, die zumal deutschen Lesern wohl tut, aber so einfach ist es nicht mit ihr

Der Roman wirkt einfach gebaut, aber das Einfache stellt sich hier nur ein, weil ein kluger Erzähler souverän mit einem raffinierten Einfall umzugehen wusste. Die Geschichte scheint eine Botschaft zu haben, die zumal deutschen Lesern wohl tut, aber so einfach, wie sie manche haben wollten, ist es nicht mit ihr.

Fast zwanzig Jahre sind vergangen, seit Die schöne Frau Seidenman in einem Exilverlag in Paris veröffentlicht wurde. In dieser Zeit ist die Empörung niedergebrannt, die der Roman in Polen einst hervorrief, und deutschsprachige Leser von heute werden ihn aus anderen Gründen schätzen als jene von 1988.

Warschau im Jahr 1943: Polen ist seit Jahren okkupiert, die Leiden der Zivilbevölkerung sind entsetzlich, der Aufstand im Getto wird grausam niedergeschlagen, die Vernichtung der Juden geht in ihre letzte, beschleunigte Phase der "Endlösung".

In diese Szenerie der Gewalt stellt Szczypiorski seine Gestalten, mehr als zwanzig brüchige, widersprüchliche, ganz normale Menschen. Alle sind sie in die Geschehnisse der Okkupation verstrickt, doch Szczypiorski zeigt sie nicht, wie sie dem Klischee zufolge sein müssten: Da gibt es den Deutschen, der die Polen liebt, fromm katholische Polen, die sich als "Gaffer" anstellen, wenn Juden malträtiert werden, und den polnischen Kriminellen, der unter Lebensgefahr eine Jüdin aus dem Getto rettet.

Darin könnte man die schale Botschaft vernehmen, dass es auch in Zeiten des Krieges Würdige und Unwürdige gibt, und, vor allem, viele, die aus bösen und guten Eigenschaften gemischt sind, sodass sich am Ende Täter und Opfer ungebührlich nahe geraten. Der große Erfolg in Deutschland mag damit zu tun haben, dass von der Vernichtung der Juden erzählt wird, aber weder alle Deutschen sich daran beteiligen, noch es die Deutschen alleine sind, die das schändliche Werk vollziehen.

Das Skandalon für polnische Leser lag darin, dass der Autor mutig den polnischen Antisemitismus thematisierte und danach fragte, ob sich nicht auch manche Polen schuldig gemacht hatten: indem sie den Massenmord an den Juden, ihren Nachbarn, ohne Mitgefühl hinnahmen.

Natürlich hat Szczypiorski seinen Roman über das Jahr 1943 mit dem Wissen geschrieben, das er vierzig Jahre später hatte. Aber er hatte den glänzenden Einfall, seinen allwissenden Erzähler nicht nur in die Gedanken und Seelen seiner Gestalten sehen, sondern ihn auch wissen zu lassen, was aus all diesen Figuren in ihrem weiteren Leben noch wurde.

Der Roman führt über den historischen Moment, den er präzise fasst, hinaus; er zeigt seine Protagonisten Jahrzehnte später und spiegelt ihr Verhalten in der Stunde der Bewährung und des Verrats darin, wie es ihnen nach der nazistischen Barbarei erging. Dieser Erzähler weiß, wie wenig manchem seine Feigheit einbringen wird, dass sich Lauterkeit oft nicht bezahlt machte und den meisten, die überlebten, nicht viel mehr blieb als "eine Hand voll Leiden und eine Prise Illusionen".
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26.12.2004)

Von Karl-Markus Gauß
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    foto: sz-bibliothek
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