Was Terrorpate Bin Laden und Gandhi einander zu sagen hätten

27. Dezember 2004, 11:28
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Wenn Indiens Freiheitsheld und Apostel der Gewaltfreiheit noch am Leben wäre - wie hätte er auf den am meisten gefürchteten Terroristen reagiert

Sehr geehrter Herr Gandhi,

seit meine Anhänger die US-Botschaft in Kenia, das Kriegsschiff USS Cole im Jemen und später das World Trade Center in New York sowie das Pentagon in Washington attackiert haben, sind sie mit mir zu Feinden der zivilisierten Welt erklärt worden, die man jagen, foltern und töten kann wie wilde Tiere. Die amerikanische Reaktion überraschte mich nicht, aber über die feindlichen Reaktionen mancher meiner muslimischen Brüder war ich bestürzt.

Der Islam ist eine große Religion, der die beiden anderen auf Abraham basierenden Religionen fortsetzt und vervollständigt. Er anerkennt sie als wahre Religionen, verehrt ihre Propheten und war ihnen gegenüber immer respektvoll und tolerant. Dank der moralischen und spirituellen Kraft seiner tiefen Wahrheiten war der Islam rasch im Stande, die Loyalität von Millionen Menschen in verschiedenen Erdteilen zu erlangen. Die Christen, die ihn seit langem um seine Anziehungskraft und seine Macht beneiden, haben versucht, ihn zu unterminieren, indem sie seinen Propheten verleumdeten und Kreuzzüge organisierten.

Mit der Industrialisierung begannen Großbritannien, Frankreich und andere europäische Staaten aus Macht-und Profitgier große Teile der Welt zu erobern, um dort Kolonien nach ihrem Bild zu schaffen. Da sich die muslimischen Gesellschaften von ihren religiösen Prinzipien abgewandt hatten und korrupt und degeneriert geworden waren, wurden sie eine leichte Beute. Dank besserer Bewaffnung zerstörten Briten und Franzosen das Ottomanische Reich, setzten korrupte Herrscher ein, hielten sie schwach und uneinig. Nach dem Krieg 1939-1945 nahmen sie den Palästinensern ihre Heimat, übergaben große Teile davon den Juden und schufen mit Israel eine schwelende Wunde der Ungerechtigkeit. Muslim-Gesellschaften haben immer große jüdische Gemeinden beherbergt und diese besser geschützt als die Europäer. Aber den Juden auf Kosten der Palästinenser im Herzen der arabischen Welt einen eigenen Staat zu geben, war provokant und ungerecht.

Als die USA in den 50er Jahren an die Stelle der geschwächten Europäer traten, setzten sie dieses Projekt fort und schufen ihr eigenes Imperium. Im Namen der Verteidigung des Westens gegen die Sowjetunion setzten sie in vielen Teilen der Welt Marionettenregierungen ein, besonders in den muslimischen Staaten im Nahen Osten, von deren Erdöl sie abhängig wurden.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion gab den USA ein Gefühl der Allmacht. Heute sind sie dazu entschlossen, die Welt zu amerikanisieren. Sie kontrollieren alle wichtigen Institutionen der internationalen Wirtschaft und der Politik. Wenn das nicht ausreicht, verlegen sie sich auf Bestechung und Erpressung. Wenn auch das nichts hilft, handeln sie unilateral und unter Missachtung des internationalen Rechts.

Das amerikanische Imperium muss überall auf der Welt bekämpft werden, aber mein Hauptinteresse ist es, die muslimischen Gesellschaften zu befreien. Nicht nur, weil ich ihnen angehöre, sondern auch, weil sie das schwächste Glied in der Kette des Imperialismus sind und mein Erfolg Beispiel und Inspiration für andere sein wird.

Mein Ziel ist ein vierfaches: die Amerikaner aus den muslimischen Gesellschaften hinauszuwerfen; Israel als separaten jüdischen Staat zu zerstören und ein freies Palästina zu schaffen, wo Juden als geschützte Minderheit leben können; korrupte US-Handlanger in muslimischen Staaten zu stürzen sowie letztere nach den wahren islamischen Prinzipien umzugestalten und schließlich den Ruhm des Islam durch die Vereinigung der Umma (der Gemeinschaft der Gläubigen) und die Wiedererlangung seiner Herrschaft in früher muslimischen Ländern zu erneuern.

Gewalt ist der einzige Weg zur Erreichung dieser Ziele, weil sie die einzige Sprache ist, die die USA verstehen. Unsere Gewalt muss auf Terror basieren, weil schlecht gerüstete Muslime der amerikanischen Macht nie in offener Schlacht gegenübertreten könnten. Obwohl sich unsere terroristische Gewalt primär gegen die Ikonen der amerikanischen Militär- und Wirtschaftsmacht richtet, können Zivilisten nicht ausgenommen werden. Auch die USA haben in ihren Kriegen gegen uns nie Zivilisten verschont.

Ihr Osama

Sehr geehrter Osama,

Ihre Argumente, mein Bruder, erinnern mich sehr an den Dialog mit meinen terroristischen Landsleuten, den ich 1909 in London begonnen und fast bis zu meinem Tod fortgesetzt habe. So wie damals halte ich auch Ihre Argumentation für pervers und die Glorifizierung der Gewalt für abscheulich.

Ob Sie es wissen oder nicht - Sie denken und reden wie ein Imperialist. Sie präsentieren ein gesäubertes Bild der islamischen Geschichte. Bei allen Eroberungen und in allen Reichen gab es Blutvergießen, Unterdrückung und Unrecht - Ihres war da nicht anders. Muslimische Herrscher haben in Indien Tempel der Hindus zerstört, ihr Eigentum geraubt und die Massen durch eine Kombination von Druck und Anreizen konvertiert. Und obwohl sie anderswo Christen und Juden besser behandelt haben, gaben sie ihnen nie gleiche Bürgerrechte. Sie attackieren den europäischen Imperialismus, weil er den Ihren beendet hat und Sie greifen die USA an, weil diese Sie davon abhalten, ihn wiederzubeleben. Da Sie selbst Imperialist sind, haben Sie kein Recht, die imperialistischen Absichten anderer zu verurteilen.

Sie reden immer von der wahren islamischen Gesellschaft, deren Ruhm Sie wiederherstellen wollen. Ich finde das, wie auch die meisten Ihrer Glaubensbrüder, nicht anziehend. Sie wollen den Zentralstaat, die Industriegesellschaft und Atomwaffen mit islamischen Werten kombinieren. Das ist inkohärent. Sobald Sie sich für wirtschaftliche, politische und andere Schöpfungen der Moderne entscheiden, können Sie deren Logik nicht entgehen. Sie würden einer westlichen Gesellschaft immer ähnlicher und in den Globalisierungsprozess gezogen werden.

Sie geben zu, dass die muslimischen Gesellschaften degeneriert sind, aber Ihre Erklärung ist falsch. Sie befinden sich in diesem Zustand, weil sie statisch sind, ohne Gleichberechtigung, patriarchalisch, gegen den Wandel, ohne Verständnis für wissenschaftliche und individuelle Freiheit. Auf diesen Gebieten können wir viel vom Westen lernen. Ich selbst war ein dankbarer Schüler des Westens, habe viel von seinen liberalen, christlichen und sozialistischen Traditionen gelernt und sie in das indische Leben und Denken integriert. Eine grobe Teilung der Welt in West und Ost ist schädlich, weil er jeden Teil zusammenrücken lässt und den für beide nützlichen Dialog behindert.

Sie behaupten, dass der Westen spirituell leer ist und seine Bürger Ungläubige sind. Auch wenn es im Westen Konsumismus und Militarismus gibt, so haben viele seiner Bürger doch ein starkes soziales Gewissen. Das Bemühen um die Armen und den Wohlfahrtsstaat, der Wunsch, eine gerechte Gesellschaft zu schaffen und der Druck in Richtung globaler Gerechtigkeit und für humanitäre Interventionen sind Beispiele dafür. Religion ist für viele im Westen wichtig und manche sind an nicht-christlichen Religionen oder am Dialog mit ihnen interessiert.

Hören Sie damit auf, anderen die Schuld zu geben und konzentrieren Sie Ihre Energien darauf, Ihre Gesellschaften durch Bildung und Organisation zu revitalisieren. Sie haben Recht, wenn Sie viele muslimische Herrscher als korrupte Handlanger externer Mächte bezeichnen, aber Sie vergessen, dass Herrscher nicht eine fremde Spezies sind, sondern aus unserer Mitte kommen. Sie, Osama, haben kein Interesse daran, sich mit den tieferen Ursachen des gesellschaftlichen Abstiegs auseinander zu setzen. Sie verlassen sich auf fest gefügte Gruppen religiöser Aktivisten, um die Gesellschaft umzuwandeln. Doch wenn diese einmal an der Macht sein sollten, würden auch sie korrupt, arrogant und diktatorisch werden. Schließlich muss ich mich Ihren terroristischen Methoden zuwenden. Ich halte sie aus moralischen und pragmatischen Gründen für inakzeptabel. Mit ihnen werden Sie Ihre Ziele nicht erreichen. Sie werden damit die Amerikaner nicht davonjagen. Diese werden ihre Macht einsetzen, um Ihre terroristischen Lager und Netzwerke zu zerstören, wie sie das in Afghanistan und anderswo schon getan haben. Es macht ihnen nichts aus, dabei das internationale Recht zu missachten. Ihnen bleibt bei einem derart entschlossenen Gegner keine Hoffnung.

Wie ich mit meinem Beispiel gezeigt habe, ist der organisierte gewaltfreie Widerstand der einzige moralische und effektive Weg, um das Böse zu bekämpfen. Er spricht auch das Gefühl des Gegners für die gemeinsame Humanität an, weckt das Gewissen, gibt ihm die Versicherung, dass ihm keine Gefahr droht und mobilisiert die Macht der öffentlichen Meinung.

Nehmen Sie den Fall der Palästinenser. Diese haben Gewalt angewandt. Israel hat mit noch mehr Gewalt geantwortet. Das Ergebnis ist die wachsende Brutalisierung beider Gesellschaften. Überlegen Sie, was geschähe, wenn die Palästinenser meinem Rat folgten. Sie würden auf alle Drohungen gegen israelische Bürger verzichten, sie als ihre Brüder anerkennen, an ihren Gerechtigkeitssinn appellieren und an die lange Geschichte der Erniedrigung. Falls notwendig, würden sie gut organisierten Akte des gewaltfreien Widerstands und des zivilen Ungehorsams setzen, um auf das erlittene Unrecht hinzuweisen und die Regierung Israels herauszufordern.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine israelische Regierung, nicht einmal die von Ariel Sharon, vor den Augen der Welt unbewaffnete und friedliche Demonstranten töten würde. Falls sie es täte, würde sie sich nicht nur eine weltweite Verurteilung, auch durch Juden in der Diaspora, einhandeln sondern auch die eigene Bevölkerung entzweien. Ich bin davon überzeugt, dass israelische Soldaten den Befehl verweigern würden, wie es einige jetzt schon tun. Anders als die Welle der Gewalt hätten friedliche Proteste den Vorteil, der israelischen Gewalt die Legitimität zu entziehen. Sie würden die Moral und den moralischen Status der Palästinenser erhöhen und die Weltmeinung für sie einnehmen.

Sie könnten der Meinung sein, dass Gewaltfreiheit für uns Hindus leicht, der islamischen Tradition aber fremd ist. Doch die Hindus haben eine lange Tradition der Gewalt und sind vom Temperament her so gewalttätig wie andere. Nur nach einer langen Kampagne und nach Beispielen erfolgreicher Gewaltfreiheit ist es mir gelungen, sie davon zu überzeugen. Was die Muslime betrifft, so sollten Sie wissen, dass auch sie eine lange Tradition des gewaltfreien Widerstands haben. Die kämpferischen Pathanen der nun zu Pakistan gehörenden nordwestlichen Grenzprovinz haben ihn unter der Führung meines Freundes Abdul Gaffar Khan mit Erfolg angenommen.

Keine Religion ist inhärent für oder gegen Gewalt. Es liegt an den Führungspersönlichkeiten, sie entsprechend zu interpretieren und die Gläubigen anzuleiten.

Mit Segenswünschen und in Liebe, M. K. Gandhi Sehr geehrter M. K. Gandhi,

Sie interpretieren Ihre indische Erfahrung falsch und wenden sie, wie alle Moralisten, auf dafür nicht geeignete Gesellschaften an. Da die britischen Streitkräfte Ihr Land nicht besetzt hatten, waren sie auf lokale Unterstützung angewiesen, was erhebliche Einschränkungen zur Folge hatte. Das britische Volk hatte zum Imperium eine ambivalente Einstellung, manche waren auch dagegen. Sie konnten deshalb immer auf die Sympathisanten in der britischen Öffentlichkeit setzen, um die Unabhängigkeit zu erreichen.

Der historische Rahmen, in dem ich mich bewegen muss, könnte unterschiedlicher nicht sein. Er wird von einer einzigen Macht mit globaler Reichweite, die sich nach dem Kalten Krieg für unbesiegbar hält, dominiert.

Diese Kombination von Selbstgerechtigkeit, Missionsdrang, nationalem Eigeninteresse, moralischer Kurzsichtigkeit und überwältigender Macht in einem einzigen Land hat die Welt bereits verwandelt. Ihre Ideen, Herr Gandhi, gehören einer nicht mehr existierenden Welt an. Sie nützen denen, die gegen gegenwärtiges Unrecht kämpfen, nicht.

Anders als Sie betrachte ich Gewalt nicht als an sich böse. Ich beurteile sie nach den Zielen und den Möglichkeiten, diese zu erreichen. Ihr gewaltfreier Kampf war ständig von terroristischen Aktivitäten überschattet. Diese haben die Briten erschreckt und geschwächt; Sie müssen das Erreichen der Unabhängigkeit Indiens ihnen ebenso anrechnen wie Ihrer Gewaltfreiheit.

Jede Kampfmethode setzt, um erfolgreich zu sein, bestimmte Bedingungen voraus. Gewaltfreiheit braucht einen Gegner, der anständig ist, die Freiheit, um Proteste organisieren zu können, und einigermaßen unparteiliche Medien. Sie hatten all das, wir nicht. Wir haben die von Ihnen genützten bürgerlichen Freiheiten nicht. Wenn wir uns auf gewaltfreien Protest beschränkten, würden die Amerikaner und ihre Handlanger unsere Reihen infiltrieren, Zwietracht säen und, wenn das nichts nützt, uns niedermachen. Dann würden sie die fügsamen globalen Medien einsetzen, um die öffentliche Meinung in ihrem Sinn zu manipulieren.

Wenn mich jemand schlägt, schlage ich zurück. Wenn Sie meinem Volk Leid antun, dann tue ich Ihnen Leid an. Warum sollte ich mich damit quälen, auch noch der Erlöser meines Feindes zu sein? Ich bin ein Gefolgsmann des Propheten Mohammed, nicht von Jesus Christus.

Ihr Osama. Sehr geehrter Osama,

Sie haben nicht recht, wenn Sie alle Amerikaner über einen Kamm scheren. Manche Gruppen passen zu Ihrer Beschreibung, andere nicht. Angesichts dessen, was die Regierung in ihrem Namen tut, sind viele Amerikaner besorgt und kritisch eingestellt, viele haben gegen den Krieg im Irak protestiert. Manche unterstützen die gegenwärtige Regierung, weil sie sich nach den Ereignissen von 9/11 ängstigen. Der Glaube, dass ihr Land gegenüber Angriffen von außen unverwundbar sei, wurde zerstört und sie haben Furcht vor weiteren Attacken. Bush versichert ihnen, dass sein globaler Krieg gegen den Terror die ersehnte Sicherheit bringen wird, deshalb folgen sie ihm. So lange Sie in der bisherigen Weise weiterreden, verstärken Sie noch diese Paranoia und die Unterstützung der Politik Bushs. Hätten Sie die Sprache des Friedens gesprochen und sich mit den progressiven Kräften der USA verbündet, wären Ihre Erfolgsaussichten besser gewesen.

Mit der Ablehnung der Gewaltlosigkeit machen Sie einen schweren Fehler. Martin Luther King, der sich der Brutalität der amerikanischen Südstaaten entgegenstellte, setzte auf Gewaltfreiheit, um die Bürgerrechte für schwarze Amerikaner zu erreichen. Und er gab ihnen damit auch ein Gefühl von Stolz und Selbstvertrauen.

Selbst wenn Sie nicht an Gewaltlosigkeit glauben, sollten Sie bis jetzt erkannt haben, dass Ihre Methoden unter Ihren eigenen Leuten unkalkulierbaren Schaden anrichteten: Sie haben eine große Religion diskreditiert. Millionen assoziieren nun den Islam mit Gewalt und Zerstörung.

Es ist an der Zeit, dass Sie Ihre infantile Obsession mit dem Tod überwinden, Ihren messianischen Eifer aufgeben und etwas Bescheidenheit und Menschenverstand zeigen. Aber meine Religion verbietet es mir, irgendeinen Menschen völlig aufzugeben, nicht einmal Sie.

Ihr M. K. Gandhi (Copyright: Prospect Magazine/Redaktion: Erhard Stackl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26.12.2004)

Ausgemalt hat sich diesen ganz speziellen "Dialog der Kulturen" der aus Indien stammende britische Politikwissenschafter Lord Bhikhu Parekh.

Porträts

Mahatma Gandhi

Osama Bin Laden

Der Autor Lord Bhikhu Parekh

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    Bin Laden verteidigt den Terror in diesem fiktiven Dialog damit, dass schlecht gerüstete Muslime der amerikanischen Übermacht nie in offener Schlacht gegenüber treten könnten.

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    "Sie denken und reden wie ein Imperialist", würde Gandhi zu Osama bin Laden sagen, glaubt ein genauer Kenner Mahatmas. "Deshalb haben Sie kein Recht, die imperialistischen Absichten anderer zu verurteilen."

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