Einberufung zum Wiedereinstieg

23. Dezember 2004, 18:45
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Wie steht es heute - vor allem für Frauen - mit der Vereinbarkeit von Beruf und Kindern? - Kommentar der anderen

Zum Familienfest des Jahres passt einmal mehr die Frage: Wie steht es heute - vor allem für Frauen - mit der Vereinbarkeit von Beruf und Kindern? Der subtil ungerechten Politik der Regierung hält die Opposition bestenfalls Halbherzigkeiten entgegen, meint Christa Nebenführ im folgenden Kommentar der anderen.


Wie erwartungsgemäß oder überraschend eine Statistik auch ausfallen mag, ihre einzige Berechtigung scheint darin zu liegen, sie dem politischen Gegner um die Ohren zu hauen. Dass die Kinderbetreuung überwiegend in den Händen der Frauen liegt, kann schwerlich überraschen. Dass sie unbezahlt ist, ist auch bekannt. Dennoch ist die so genannte "Einkommensschere", die von der Statistik wieder und wieder bestätigt wird, unhinterfragt zum Prügel geworden. Die oppositionelle Bundesfrauengeschäftsführerin Bettina Stadlbauer wirft der Regierung "frauenpolitische Untätigkeit" vor und fordert eine "Wiedereinstiegsoffensive" von 100 Millionen Euro.

Nun ist an dieser Regierung vor allem eines notorisch: ihre Umfaller. Der mit der Koalitionsankündigung ist ja schon Legende, aber wer erinnert sich noch, dass die Auszahlung eines Karenzgeldes 1996 auf Druck der ÖVP von vorher zwei Jahren auf den Zeitraum von eineinhalb reduziert wurde? Da könnte frau sich doch schön draufsetzen, wenn die selbe Partei jetzt zweieinhalb Jahre Kindergeld als konservative Innovation abfeiert. Was tut die Opposition? Egal wie dumm das Gegenteil von dem, was die Regierung tut, sein mag, es muss als erstrebenswerte Alternative herhalten.

Dass es eine Reihe von Maßnahmen gäbe, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern würden, ist unbestritten. Die 30-Stunden-Woche ist eine davon, ganztägig geöffnete Kinderbetreuungseinrichtungen eine andere. Aber selbst damit könnte die Schere nicht geschlossen werden. Dazu müssten Frauen während Kindererziehungszeiten als Versicherungsleistung den vollen Lohn weiterbezahlt bekommen. Dann würden aber die Hilfsarbeiterin und die Generaldirektorin für die gleiche Tätigkeit höchst verschieden entlohnt und das würde erst recht wieder als ungerecht empfunden.

Also ist jedes Kind gleich viel wert, die Karenz ist möglichst kurz zu halten und die eigene Leistungsbereitschaft im Erwerbsleben unter Beweis zu stellen. Und da schaut's für die Hilfsarbeiterin ziemlich trostlos aus. Denn da sie wahrscheinlich mit einem Hilfsarbeiter, vielleicht mit einem Facharbeiter, aber kaum mit einem Beamten verheiratet ist, wird sich mit dem Familienbudget wahrscheinlich weder ein Au-pair-Mädchen, noch eine Putzfrau, ein Windeldienst etc. ausgehen.

Es irritiert irgendwie, dass der Aufschrei über diese wesentlich größere Einkommensschere ausblieb. Sonst müsste man ja auf die Heterogenität von Lebens- und Arbeitsbedingungen, auch unter Frauen, eingehen.

Äpfel und Birnen

Da nicht einmal Qualitätszeitungen die Grundlagen der von ihnen publizierten statistischen Werte ausweisen, sei es mir erlaubt, Äpfel mit Birnen zu vergleichen:

Im September ergab eine Studie, dass jeder zweite Deutsche nicht mehr zur Arbeit gehen würde, wenn es zum Leben auch ohne Arbeitslohn reichte. Eine aktuelle österreichische Studie wiederum belegt, dass nur jede zweite Frau nach der Karenz den Wiedereinstieg ins Erwerbsleben schafft. Das könnte bedeuten, dass jede zweite froh ist, dass es auch ohne Arbeitslohn zum Leben reicht, wird aber in absurder Weise gerade von Arbeitnehmerorganisationen dahingehend interpretiert, dass jede zweite Frau von bösen Mächten daran gehindert wird, an einem Arbeitsprozess teilzunehmen, der jeder zweiten zum Hals heraus hängt.

Sollte es sich bei der Befreiung um eine Nötigung handeln? Die Klage, die Max Horkheimer und Theodor W. Adorno vor glatt sechzig Jahren über "die materiell ansehnliche und sozial klägliche Hebung des Lebensstandards der Unteren" führten, lässt sich ohne Schwierigkeiten auf die Dialektik der Frauenemanzipation anwenden. Das Recht auf Bildung und politische Entscheidungen wird längst durch die Verpflichtung zu verdinglichten Arbeitsformen im Dienst eines wirtschaftlichen Wachstumsfetischismus ad absurdum geführt.

Dass dabei ein Chiasmus entstand, indem die Konservativen mit dem Kindergeld die Klientel der Sozialisten und kreuzweise die Sozialisten mit ihrer Empörung die Bürgerlichen bedienen, mag philosophisch eine Fußnote sein, bei der nächsten Wahl werden die Arbeiterinnen das Kindergeld und die Beamtinnen die durch lange Übergangsregelungen verbliebenen Pensionsvorteile wählen und die sich feministisch generierenden Parteien überrascht sein, dass die Konservativen bei den Frauen Stimmen einfahren konnten.

Matthias Horx hat schon vor zwei Jahren die Dienstboten-Familie, bestehend aus zwei Erwerbstätigen mit Nannies und Putzies für den Kinderkram als Zukunftsmodell postuliert. Neu ist daran nur, dass auch die bürgerliche Gattin casht, anstatt sich ausschließlich karitativen Aufgaben zu widmen. Die Idee mit den Dienstboten ist es weniger.

Mir hat es als Enkelin einer ungelernten Arbeiterin und Alleinerzieherin eine Gänsehaut aufgezogen, als ich in Marcel Prousts "Suche nach der Verlorenen Zeit" der Figur der Bediensteten Francoise begegnete, die ihre eigene Tochter in Kost gab, um für die Kinder ihrer Herrschaft verfügbar zu sein. Wenn Sie also Weihnachten feiern, freuen sie sich, dass es Ihnen mit der eigenen Familie möglich ist! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.12. 2004)

Die Autorin ist Schauspielerin und Publizistin.
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