Früh abberufener Engel

30. Dezember 2004, 11:54
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Dinu Lipatti, Meister einer träumerischen Poesie, durfte nur 33 Jahre alt werden

Dinu Lipatti muss allen Bewunderern wie ein Engel erschienen sein. Wie ein Engel, zugegeben, mit sehr großer Nase. Lipatti durfte nur 33 Jahre alt werden. Seiner Begabung und zarten Gesundheit wegen besuchte er nie eine Schule: Lehrer betrachteten es als Ehre, den genialen Jungen in seiner Wohnung zu unterrichten. Der 27-Jährige erkrankte an Leukämie. Es war ein Wunder, dass er noch sechs Jahre lebte, nachdem sich Kollegen für seine Gesundheit, für teuerste Medikamente, eingesetzt hatten.

Zuletzt ließen Lipattis Kräfte nach. Einmal sah er sich gezwungen, sein Programm zu ändern. Er spielte am Ende statt Chopin die Klavierbearbeitung eines Satzes aus Bachs Kantate 147 "Jesu bleibet meine Freude". Glücklicherweise wurde dies auf Schallplatten verewigt. Man muss ein Herz aus Stein haben, um der unsentimentalen Abschieds-Musik ohne Rührung zu lauschen. Zur faszinierenden, ebenso zarten wie rauschhaften Kult-Aufnahme geriet Lipatti 1948 (mit Karajan) das Klavierkonzert von Schumann.

Gewiss existieren mannigfache Interpretationen dieses Meisterwerkes. Aber doch keine, die Lipattis Mirakel überträfe. Im Finale spielt er sich in einen stürmischen Rausch. Der Kopfsatz bietet immer neue Abwandlungen des schmerzlichen Haupt-Themas. Mitten im a-Moll-Allegro verklärt Schumann seinen Einfall zum Andante in As-Dur, zum lyrischen Dialog zwischen Klarinette und Klavier. Die träumerische Poesie Lipattis, seine Kunst, danach wieder ebenso logisch wie spontan zu steigern, bringt das alles in ewige Sicherheit. Nur ein Genie wie Lipatti vermochte mit der Quadratur des Kreises vollkommener Mozart-Interpretation fertig zu werden.

Das absolute Gleichmaß, mit dem er Mozarts Sonate a-Moll (KV 310) melancholisch und erregt meisterte, kann als unübertroffen gelten. Und das Finale wird unter Lipattis Händen zum bewegten Sinnbild depressiven Kreisens. Ein Rätsel müssen dem, der ermisst, wie krank Dinu Lipatti war, die Brillanz und Geistesgegenwart sein, mit welcher er eine der anspruchsvollsten Kompositionen Chopins bewältigte: die Sonate h-Moll, Opus 58. Lipatti hat die Kraft für den stolzen Beginn des Kopfsatzes. Er zaubert im Presto-Scherzo - man begreift nicht, wie - ein getupftes und durchsichtiges Legato aus dem Flügel. Und er bietet das Finale als grandiosen Hymnus aufs Leben. Es ist der Geist, der sich den Körper baut.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26.12.2004)

Von
Joachim Kaiser

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Claudio Arrau
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