Alles eine Frage von Kultur, oder...

25. Jänner 2005, 19:08
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... warum in der Multikulturalismus-Debatte nur eine Repolitisierung unverrückbare Unterschiede überwinden hilft - Ein Kommentar der anderen von Diedrich Diederichsen

Deulich wurde auf den Kulturseiten der taz Slavoj Zizek zitiert. Der Multikulturalismus sei selber eigentlich ein Rassismus. Endlich, dachte ich, erinnert sich jemand an die Multikulturalismusdebatten der frühen 90er – es war auch ein älteres Zitat. Damals gab es nämlich schon mal die Diagnose, dass Multikulturalismus die falsche Strategie wäre, damals aber nicht von rechts wie heute, sondern von links.

Multikulturalismus, so war die zentrale Position der radikaleren Linken, schreibe als kulturelle Differenz fest, was ein politisches Problem sei, nämlich die mangelnden Rechte und Partizipationsmöglichkeiten von Migranten. Alle auf politischer und ökonomischer Benachteiligung fußenden Unterschiede würden in eine Stigmatisierung übersetzt, die je nach Laune der Mehrheitsgesellschaft als köstliche kulturelle Bereicherung (Küche, Weltmusik etc.) oder als bedrohliche Überfremdung durch in letzter Instanz essenziell andere eingesetzt werden könne.

Die Kultur als unüberwindbare Grenze war nicht nur bei intellektuellen Rechtsradikalen längst zur aufgeklärten Version des Rasse-Diskurses geworden. Nicht biologische, sondern kulturelle Unterschiede galten jetzt als unüberbrückbar. Das klang moderner, kam aber zum selben Ergebnis. Mein Lieblingsbeispiel in den frühen 90ern war die Berichterstattung über das Baby von Barbara Feltus und Boris Becker. Der Spiegel nannte es ein "multikulturelles Baby". Einen kulturellen Unterschied zwischen Becker und Feltus konnte man aber in den Diskotheken des Westens mit der Lupe suchen.

"Multikulturell" kann sich nur auf die unterschiedliche Hautfarbe der Eltern beziehen, Kultur ersetzt also den Begriff der Rasse. Das Problem der Linken war, dass sie ihre Diagnose zu früh entwickelt hatte. Was wir in den frühen 90ern in Beute und Spex als Tendenz diskutierten, ragte erst in den flachen Formeln des "Geheimrat Huntington" (Negri/Hardt) aus dem Ozean der Diskursströmungen an die Oberfläche des politischen Mainstreams. Huntington lieferte die Matrix nach der heute diskutiert wird: "Die haben eine ganz andere Mentalität!"

Anti-Multikulturalismus, der auf einen Bierdeckel passt – und mit einigen linksliberalen Freunden der Multikultur die These teilt, dass alles eine Frage der Kultur sei. Ob nun Ernst Wilhelm von Böckenförde auf eineinhalb FAZ-Seiten seine schlichten Thesen gegen den EU-Beitritt der Türkei ausmärt oder die Fluggäste in Berlin-Tegel die Taxischlange nach einem deutschstämmigen Taxifahrer absuchen, mit dem sie im engen Benz gemeinsame Mentalität atmen können.

Ersatzhandlungen

Die Substanzialität der Kultur wird hier enorm überschätzt. Diese Überschätzung wird vor allem von Politikern geölt, die angesichts der verbreiteten Überzeugung, dass man im globalen Kapitalismus als Politiker nicht mehr viel zu entscheiden hat, mit kultura^listischen und nationalistischen Ersatzhandlungen die eigene Legitimität pflegen.

Die Identifikation von Mentalität und Kultur mit überhistorischen Konstanten wie "Rasse" war natürlich nicht der Urgedanke des Multikulturalismus in Deutschland. Leute wie Cohn-Bendit oder Geißler, die früh mit dem Begriff der Multikultur gearbeitet hatten, waren keine Kryptorassisten. Multikultur war für sie eher ein unhintergehbares Ergebnis, nicht eine Ursache wie für Huntington.

Dennoch lief auch dieser "freundliche" Multikulturalismus, mit dem heute nach dem Willen von weiten Teilen der Bevölkerung Schluss sein soll, auf Maßnahmen hinaus, das Kulturelle an den Eingewanderten zu managen: sei es als Folklorepflege, sei es als Toleranz, dem großen Unwort. Es setzt voraus, dass man es mit einem Übel zu tun hat – denn nur das muss man tolerieren.

Aber die Diagnose der mittleren 90er, dass ein zur Politikvermeidung entwickelter Kulturbegriff und seine unterschwellige Rasse-Semantik an allem schuld sei, ist punktuell auch überholt worden. Seit dem 11. September hat die Kultur eine neue Semantik bekommen, die die Rasse überlagert: die Religion. Religion ist ein noch tieferes Zugehörigkeitsparameter als Kultur, so ähnlich wie "Rasse", und stärkt so die entsprechende Richtung des Kulturalismus.

Zum anderen gilt Religion aber als frei gewählt. Man kann für eine Entscheidung zur Verantwortung gezogen werden. So lässt sich leichter ein Druck ausüben, sich in symbolischen Manövern "loyal" zu bekennen. Aber nicht mal dabei geht es um Migranten und deren Seele. Die Mode, lebende Integrationserfolge als Konvertiten auszustellen, wird wieder vergehen, aber es gibt jetzt eine Möglichkeit, ex negativo ein Selbstbild zu produzieren: ein Wir-Gefühl, das man je nach Volksparteienpräferenz als Wir, die Modernen und Wir, die abendländischen Werte- Christen geliefert bekommt.

Die meisten Traditionalismen sind religiös, sexistisch, patriarchal – mithin absto 5. Spalte ßend. Doch Traditionalismen aller Art – islamische wie katholische – schleifen sich ab, wenn die Leute in die Stadt kommen. Aber Neo-Traditonalismen, Selbst-Ethnisierungen und religiöse Kulturalismen sind selber moderne Phänomene – Folgen einer Reaktion auf mangelnden politischen Einfluss, auf kulturelle Markierungen und Stigmatisierungen. Nur diese modernen Rückgriffe auf Traditionen schaffen Differenzen.

Nicht wegen ihrer Traditionalität, sondern weil sie nichts anderes sind als verkappte politische Überzeugungen, deren politischer – als Tradition verkleideter – Sinn es ist, einen Antagonismus auszustatten, sich also selbst zu erklären, dass man eine "ganz andere Mentalität" hat. Die Alternative Integration oder Multikultur ist keine, weil auf beiden Seiten kulturelle Definitionen der auszuhaltenden Differenzen im Einsatz sind.

Legale Probleme

Religiös oder traditionell begründete Zwänge gegen Frauen sind aber zunächst nicht kulturelle, sondern politische und legale Probleme. Sie werden erst kulturell, wenn der ganze Lebensraum, in dem sie vorkommen, nur noch kulturell definiert und geregelt wird. Einen Teil der Wohnbevölkerung, der Millionen zählt, nicht mit politischen Rechten auszustatten, verschärft dies. Die Chance, durch ein besseres Einwanderungs- und Staatsbürgerschaftsgesetz einen ersten Schritt zur Repolitisierung dieser Konstellation zu machen, hat die deutsche rot-grünen Regierung unter Mithilfe ihrer Gegner schon zu Beginn ihrer Amtszeit vergeigt. Daher hoffen die Türken in Deutschland jetzt auf den EU-Beitritt. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.12.2004)

Zur Person

Diedrich Diederichsen war Koherausgeber des Popmagazins "Spex". Er lebt als Autor in Berlin.

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