Die politikerverdrossene Generation

27. Dezember 2004, 13:20
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Zukunftsstudie: 93 Prozent mit System unzufrieden, Hoffnung auf Umwelt, Familie

Wir schreiben das Jahr 1952. Wie schaut die Zukunft im Jahr 2000 aus? Etwa so: Ein Ufo schwebt über dem Heldenplatz, darin befindet sich das Weltgericht, dass das Nachkriegsösterreich von seinen Schulden freispricht. Das 1952 auf Regierungsinitiative gedrehte, kuriose Science- fiction-Spektakel "1. April 2000" sollte via Bildschirm Vergangenheitshygiene und Österreich-Bewusstsein fördern.

Auch im Jubiläumsjahr 2005 ist Patriotismus gefragt. Schließlich soll es laut Kanzler Wolfgang Schüssel (VP) nicht nur ein rückwärts gewandtes Gedenken-, sondern auch ein zukunftsorientiertes Gedankenjahr werden. Eine Gruppe junger Wissenschafter vom Forschungsinstitut Metis hat das wörtlich genommen und ein großes Umfrageprojekt gestartet.

Das Forschungsziel: Was sind die Vorstellungen der 15- bis 35-Jährigen von Österreich 2050? Was sind ihre Visionen – und wie stark unterscheiden sie sich von ihren realistischen Einschätzungen? Aus 2500 Einzelinterviews und drei Wellen so genannter Fokusgruppen – in denen unter wissenschaftlicher Beobachtung frei assoziiert wird – wurden die Ergebnisse herausgefiltert, die dem Standard exklusiv vorliegen.

Fazit: Der Glaube an das politische System ist so schwach wie noch nie, der Wunsch des jungen Österreichs nach einem Generationswechsel in der Politik überwältigend: 93,2 Prozent sehnen ihn herbei. Politisches System und Politiker rangieren – neben Österreichs Steuersystem – bei der Nennung der negativen Seiten Österreichs ganz oben. 64,3 Prozent zählen die Politik zum Schlechten, das Österreich zu bieten hat. Nur 12,9 Prozent rechnen für das Jahr 2050 mit "visionären und idealistischen Politikern". Studienleiter Harald Mahrer: "Die Jugend ist nicht politikverdrossen, sondern politikerverdrossen." Gleichzeitig ist der Wille, es selbst besser zu machen, enden wollend. Politisches Engagement steht mit 22 Prozent Zustimmung am Ende der persönlichen Prioritätenliste – hinter Macht und Einfluss (33 Prozent) und Tradition (31 Prozent).

Mit 98 Prozent ganz oben auf der persönlichen Werteskala rangiert hingegen Gesundheit. 40,3 Prozent wünschen sich für 2050 den Schutz von Umwelt und Landschaft als Ziel, 30,9 Prozent halten das auch für realistisch.

Lebensqualität ist somit das wichtigste Gut für alle unter 35-Jährigen, die junge Generation ist heimatverbunden wie noch nie – aber anders, als es gerade diese Regierung gerne sehen würden. Denn Tradition und Heimat als konservative Werte spielen für sie eine geringe Rolle. Österreich 2050 soll gemäß der Vision jener, die dann selbst zu den grauen Panthern gehören, ein weltoffenes, liberales und technologiefreundliches Land sein, in dem vor allem eines herrscht: Chancengerechtigkeit. Studienleiter Mahrer: "Das ist ein zentrales Motiv, sei es beim Zugang zu Bildung oder bei der Verteilung der Berufs- und Familienlasten."

An gesellschaftspolitischen Visionen mangelt es dem jungen Österreich also nicht, wa^rum aber hegt sie so ein Misstrauen gegen jene, die vom Steuerzahler dafür bezahlt und vom Wähler beauftragt werden, diese umzusetzen?

Lustkiller Politik

"Politik, so wie diese Generation sie kennen lernt, findet über Medien statt – und das ist ein absoluter Lustkiller", meint die Wiener Parteichefin der Grünen, Maria Vassilakou, selbst 35, offen. "99 Prozent der Politiker sind nicht authentisch. Sie leben nicht, was sie vertreten. Das spürt diese Generation." "Wir müssen mehr vermitteln, dass Politik Freude machen kann – und dass ihr Hauptzweck nicht Vernadern und Verunglimpfen ist", gibt sich VP-Lebensminister Josef Pröll (36) selbstkritisch. "Vielleicht ist es notwendig, mehr emotional und weniger sachbezogen zu argumentieren. Wir müssen Spaß am Gestalten vermitteln."

Derzeit sind es noch die Grünen, die am ehesten die Politikskepsis der unter 35-‑ Jährigen überwinden können. Vassilakou hat dennoch eine pessimistische Vision für 2050: "Ich bin Pensionistin. Die Grünen waren längst in der Regierung. Sie sind nicht mehr die sympathische Partei wie heute, der man beim Wachsen zuschaut, sondern etabliert – mit allen dazugehörigen Problemen." (DER STANDARD, Printausgabe, 24.12.2004)

Von Barbara Tóth
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    Das politische Interesse der österreichischen Jugend liegt am Boden.

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