Zentralrat der Juden nimmt Moslems in Schutz

24. Dezember 2004, 18:57
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Gegen pauschale Diskriminierung - Zentralratspräsident sieht Demokratie von Rechtsextremisten bedroht

Düsseldorf - Der Zentralrat der Juden hat die in Deutschland lebenden Moslems gegen pauschale Diskriminierung in Schutz genommen. Zentralratspräsident Paul Spiegel wandte sich in einem AP-Interview entschieden gegen Bestrebungen, die Moslems in Geiselhaft für all das zu nehmen, "was Islamisten oder islamistische Terroristen tun oder planen".

Gerade die Juden wüssten, was es heiße, unter Verallgemeinerungen leiden zu müssen. Für ihn stehe fest, dass die übergroße Mehrheit der Moslems hier in Frieden mit den Deutschen zusammen leben wolle. Eine Bedrohung der Demokratie sieht Spiegel viel eher im Einzug von rechtsextremistischen Parteien oder Gruppierungen in einige Landesparlamente.

"Rechte Rattenfänger"

Es reiche aber nicht, darüber zu lamentieren und zu sagen, wie schrecklich das alles sei. "Ähnliche Ergebnisse bei kommenden Wahlen müssen verhindert werden", verlangte der Zentralratspräsident, der Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland auf dem Vormarsch sieht. Vor allem jungen Menschen müsse deutlich gemacht werden, warum sie "rechten Rattenfängern" nicht ihre Stimme geben sollten.

Rund fünf Monate vor der Einweihung des Holocaust-Mahnmals in Berlin erneuerte Spiegel seine Forderung nach einem Verbot rechter Demos vor dieser Gedenkstätte oder vergleichbaren Orten der Erinnerung. Eine Duldung widerspreche auch dem moralischen Empfinden der Bevölkerung und schade dem Ansehen von Polizei und Justiz.

Es erscheine zudem widersinnig, wenn einerseits zur Ächtung rechter Gewalt aufgerufen werde, andererseits aber - wenn auch mit Unbehagen - Naziaufmärsche an besonders symbolträchtigen Orten erlaubt würden. Spiegel hält nach eigenen Worten Synagogen und jüdische Einrichtungen in Deutschland weiterhin für sehr stark gefährdet: "Leider kann hier noch keine Entwarnung gegeben werden." Es werde vorerst keinen Neubau einer Synagoge geben, der nicht auch unter sicherheitsrelevanten Aspekten geplant werde.

Trotzdem würden nach dem Motto "wer baut, will bleiben" weiter jüdische Gotteshäuser in Deutschland errichtet. Im Sommer nächsten Jahres solle in Bamberg eine Synagoge eingeweiht werden. Spiegel bedauerte, dass in diesem Jahr am 9. November in der Öffentlichkeit die Erinnerung an den Mauerfall 1989 jene an die Pogromnacht 1938 überwogen habe.

Bei allem Verständnis für die Freude über den Mauerfall dürfe nicht vergessen werden, dass "es nicht zu diesen Ereignissen 1989 gekommen wäre, wenn die Ereignisse 1938 nicht stattgefunden hätten, und all das, was danach passiert ist". Der Zentralratspräsident, dessen Amtszeit Ende 2006 ausläuft, signalisierte seine Bereitschaft zu einer erneuen Kandidatur: "Wenn meine Gesundheit es erlaubt und ich die Kraft habe und wenn mich die Gremien auch weiterhin als Präsidenten des Zentralrats der Juden haben wollen, habe ich schon die Absicht, noch einmal zu kandidieren", sagte er.

Nach seinen Angaben leben inzwischen wieder gut 100.000 Juden in Deutschland. Die derzeit 83 jüdischen Gemeinden würden von 30 Rabbinern religiös betreut. (APA/AP)

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