Portugal: Heimkinder zu Pädophilen gebracht

23. Dezember 2004, 20:33
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Bislang größter Prozess um sexuelle Gewalt gegen Minderjährige - "Casa Pia"-Chauffeur geständig

Lissabon - In dem bislang größten Prozess um sexuelle Gewalt gegen Minderjährige in Portugal hat der Hauptangeklagte zugegeben, jahrelang Heimkinder zu Pädophilen gebracht zu haben. Die Buben hätten ihn allerdings darum gebeten, beteuerte der frühere Fahrer der renommierten "Casa Pia"-Heime, Carlos Silvino. Er sagte am Dienstagabend aus, für seine Fahrdienste entlohnt worden zu sein.

Silvino: "Ich habe sie nicht gezwungen." Der 48-Jährige ist in insgesamt 634 Punkten angeklagt, darunter in 598 Fällen wegen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger.

Angeklagte

In der Öffentlichkeit hätte das Verfahren womöglich keine gar so hohen Wellen geschlagen, säße nicht auch der 62 Jahre alte und beim portugiesischen Publikum überaus beliebte TV-Showmaster Carlos Cruz auf der Anklagebank. Er verbrachte mehr als ein Jahr in Untersuchungshaft und hat unter anderem den früheren Staatspräsidenten Ramalho Eanes als Entlastungszeugen angeführt.

Angeklagt sind unter anderem auch ein früherer hochgestellter Diplomat sowie weitere vier Verdächtige aus der Geschäftswelt, darunter auch eine Frau. Sie sollen sich rund 20 Jahre lang regelmäßig an 32 Kindern und Jugendlichen aus den "Casa Pia"-Heimen vergangen haben.

Erst vor zwei Jahren wurde der Skandal durch Medienberichte über die Opfer enthüllt. Die landesweit zehn "Casa Pia"-Heime, in denen insgesamt etwa 4000 Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien leben, hatten bis zum Bekanntwerden der Missbrauchsfälle einen ausgezeichneten Ruf.

"Heftige Angriffe"

Im August dieses Jahrs ist in diesem Zusammenhang der Polizeichef des Landes, Adelino Salvado, zurückgetreten. Er sei Ziel "heftiger Angriffe" geworden und fühle sich isoliert, erklärte er. Davor hatte eine Zeitung berichtet, einem Journalisten, der über den Skandal recherchiert, seien Dutzende Tonaufnahmen mit Interviews gestohlen worden.

Die ohne das Wissen der Befragten aufgezeichneten Gespräche seien anschließend auf dem Schwarzmarkt als CD verkauft worden. Einer der Interviewten soll Salvado gewesen sein. (AFP/DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2004)

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