"Ich schreibe eigentlich zu wenig"

29. Dezember 2004, 21:55
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Josef Hader in "Zeitgenossen im Gespräch" - Auszüge aus der Ö1-Sendung vom 23.12., 21.00

Der Kabarettist und Filmstar mit Michael Kerbler (Ö1) und Claus Philipp (DER STANDARD) - etwa über die Frage "Warum muss Hader weg?"


Wien - Mit öffentlichen Statements zu seinem neuen Programm Hader muss weg hat sich Josef Hader zuletzt auffällig zurückgehalten. Kein Wunder, das am vergangenen Sonntag der große Sendesaal des Radiokulturhauses ausverkauft war, als Hader Gast der neuen Ö1/STANDARD-Reihe Zeitgenossen im Gespräch war. Am Donnerstag, 23.12., wird dieses Gespräch um 21.00 Uhr auf Ö1 ausgestrahlt. Lesen Sie im Folgenden erste Auszüge:


STANDARD: Warum hat der Kabarettist Hader in Ihrem neuen Programm nur mehr eine Nebenrolle?

Hader: Die Grundidee war zunächst: der Kabarettist muss knapp vor der Vorstellung noch einmal auf die Straße, erlebt wilde Abenteuer in der Nacht und trifft auf viele Personen, die etwas aussagen sollen über die Gesellschaft, so wie ich sie momentan sehe. Am Anfang habe ich mir das so vorgestellt, dass der Kabarettist das alles auch immer reflektiert, aber letztlich hat es mich einfach zu sehr an Andreas Vitásek erinnert - und den wollte ich nicht kopieren.

Außerdem bekam ich beim Schreiben Lust darauf, dass die Hauptfigur nach einer halben Stunde wegfällt. Dass der Hader stirbt. Ich finde das auch bei Filmen immer lustig: Wenn der Held oder die Heldin plötzlich weg ist, dann ist das ein dramaturgisch sehr interessanter Effekt. Eigentlich geht es um den Moment "jetzt schaut der Zuschauer ganz schön blöd drein".

STANDARD: Sie sagten einmal, Sie hätten während der Proben sich selbst als Autor mitunter für die schwierige Spielvorlage gehasst. Wie sehr sehen Sie während des Schreibens von sich selbst als Schauspieler ab?

Hader: Wenn das Schreiben gut funktioniert und es fällt mir etwas ein, dann vergesse ich den, der das spielen soll. Gott sei Dank. Das ist ganz wichtig, dass man beim Schreiben irgendwann in so einen Rausch kommt, und dass man auch nicht mehr daran denkt, ob das in der Mehrzweckhalle Attnang-Puchheim funktionieren wird und beim Kabarett-Abo-Publikum.

An das Publikum denke ich wirklich erst dann, wenn ich den fertigen Text umsetzen soll. Und da bin ich in diesem Fall plötzlich draufgekommen: Das ist schon eine ganz andere Baustelle, weil fast alles über Dialoge funktioniert, und das bin ich überhaupt nicht gewöhnt in meiner Arbeit. Über 20 Jahre habe ich nur in Monologen gearbeitet.

STANDARD: Welche Anteile der Gesellschaft repräsentieren jetzt die Protagonisten Ihres Stücks?

Hader: Das habe ich mir nicht so genau überlegt. Ich habe mir einfach vorgestellt, was passiert alles auf einer finsteren Straße in der Vorstadt, auf wen kann man da treffen, welche Personen fallen mir ein? Ich frage vorher eigentlich nie: Was soll der politische, metaphorische oder sonstige Inhalt eines Programms sein? Ich bin da zu sehr an einer Geschichte dran und habe etwaige Intentionen bestenfalls im Hinterkopf. Im Nachhinein kann man ja immer noch den Eindruck erwecken, alles wäre geplant gewesen.

STANDARD: Sehr prägnant ist im Stück ein Satz des Kabarettisten gegenüber einem Fan: "Wann i normal wär', dann hätt'n Sie mi nie kennen g'lernt"...

Hader: Ja, weil der Fan wirft dem Künstler quasi vor, er sei nicht normal geblieben. Bei diesem Dialog habe ich viel an Martin Scorseses King of Comedy gedacht, wo der Jerry Lewis diesen alternden Komiker und Ungustl spielt, und der Robert de Niro seinen Verehrer und Verfolger. Und "normal"? Ich glaube, dass jeder einen Knacks hat, der auf eine Bühne geht, dann vielleicht möglichst traurig sein soll, und dann kommt er wieder in die Garderobe und sagt: "Jetzt hab' ich echt geweint, super."

Jeder gute Schauspieler ist aber so: Völlig bedenkenlos darin, alles zu benutzen, was er hat, um ein Ziel zu erreichen. Genauso ist jeder gute Autor völlig bedenkenlos, indem wie er sich selber ausnützt, um ein Buch fertig zu kriegen. Das ist ein Knacks, bzw. es ist wohl die Lust der Hingabe an was - auch als Gegenentwurf zu dem Leben, das normale Menschen leben wollen. Normal wollen die Menschen sich ja möglichst vielfältig sich ein bisschen allem hingeben: Guter Rotwein, gutes Kabarett, ein bisserl gutes Theater, Mittelklasseauto, also alles ein bisserl, das ist das Normale.

STANDARD: Aber wenn man so wie Sie ein Programm mehrere Hundert Male spielt - wie bewahrt man sich da die Hingabe?

Hader: Also, das Geilste überhaupt ist natürlich vorher das Schreiben - und dafür schreibe ich eigentlich zu wenig. Ich komme auch nicht immer so gut hinein. Das Spielen ist sozusagen der Ersatz dafür. Da arbeitet man noch monatelang an dem Text, ja, eigentlich hört das gar nie auf. So ein Programm ist nie "fertig". Erst recht nicht auf einer Tournee, wo man das in allen möglichen Räumen und Raumverhältnissen spielen muss.

STANDARD: Wie kam es zu dem Stückauftakt, in dem Sie quasi im Off, aus der Garderobe heraus über Kabarett, Medien und das ganze Land herziehen?

Hader: Ursprünglich wollte ich mit so aufgeklärt flockigem Politkabarett anfangen, und dann: Ein kleiner Kabelbrand auf der Bühne, und dann müssen wir unterbrechen ... Aber das war zu umständlich. Vor allem: Es ist auch unangenehm, ein Stück Kabarett, das man eigentlich nicht mag, gut zu schreiben.

Wenn das aber so ein Schimpfmonolog aus der Garderobe ist, eine Beschimpfung der Welt - das hat mir getaugt. Ich habe versucht, einen schönen weichen Rhythmus zu finden, wie bei Thomas Bernhard in seinen Interviews, einen ganz weichen Landler-Rhythmus, ein schönes Geschimpfe. Der "politische" Teil ist dabei fast schon unangenehm: Vielleicht kürze ich den auch wieder hinaus.

STANDARD: Wollten Sie von Beginn an Kabarettist werden, oder nicht eher zuerst Schauspieler?

Hader: Nie Schauspieler! Schon als 17-Jähriger hab' ich mir gedacht: Schauspieler - das probierst du gar nicht erst, weil selbst wenn du es schaffst, wirst du dein Leben lang unglücklich sein. Dauernd mit Leuten spielen, die du nicht magst, dauernd unabhängig von Aufträgen, trotzdem auf der Bühne alles geben, bis man Trinker wird - ich hab es total realistisch eingeschätzt. Außerdem wäre ich mit meinen schauspielerischen Mitteln ohnehin nie sehr weit gekommen. Die meisten Rollen, die ich heute angeboten kriege, können Schauspieler besser.

Ich habe also schon in der Schule in Melk Kabarett gemacht: Weil ich kritisch sein wollte, schlimm, aber auf eine Art, wo man mir nicht böse sein konnte, und weil ich anerkannt sein wollte. Und diese Gründe ziehen sich bis zum heutigen Tag herauf (lacht).

STANDARD: Wann werden Sie jetzt den ersten Film schreiben und inszenieren? Ideen dafür gab's ja schon ...

Hader: Aber die sind schon so alt, dass ich nicht mehr sicher bin, ob sie noch halten. Doch ja, sicher, ein Drehbuch - das möchte ich jetzt angehen. Aber sicher nicht auf der Basis von Hader muss weg. Gut daran war jedoch, dass ich mich im Dialog stärker geübt habe. Was mir jetzt vorschwebt: Ein kleines Script, mit wenigen Darstellern, so unaufwändig wie nur möglich, aber mit ausreichend Zeit zum Proben und zur Motivation der Darsteller. Low Budget im besten Sinn.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.12.2004)

"Zeitgenossen im Gespräch", 23.12, 21.00 Uhr auf Ö1.
Der nächste Gast der Reihe wird am 16. Jänner im Radiokultur haus um 11.00 Uhr Kardinal Christoph Schönborn sein.
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    Josef Hader, hier in der Wolf Haas-Verfilmung 'Silentium'

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