China: "Heiße" statt Heilige Nacht

28. Dezember 2004, 15:46
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Wer vorweihnachtliche Einkaufshektik in christlichen Ländern für wenig adventlich hält, kennt den Rummel in Peking nicht

Ein riesiger Christbaum aus Bierdosen zieht Blicke auf sich, mannshohe Nikolaus-Figuren stehen vor weihnachtlich dekorierten Szenelokalen. Große Schilder warnen daneben vor einer Ansteckung mit Aids. Pekings Kneipenstraße Sanlitun im Diplomatenviertel bereitet sich auf eine feuchtfröhliche Nacht am 24. Dezember vor.

Meteorologen sagen weiße Weihnachten voraus, erwecken damit aber keine Besinnlichkeit. "Let's Party!", verkündet kichernd die 23-jährige Verkäuferin Lili unter ihrer roten Nikolausmütze. Mit ihren Freundinnen wird sie am Heiligen Abend zu "Boys and Girls" ziehen. Die Kneipe mit ihren Livebands ist gerade "in", weil dort die CD "Songs aus der Sanlitun" aufgenommen wurde. Am 24. Dezember wird sie über Pekings Radiosender rund um die Uhr abgespielt. Umgerechnet 100.000 Euro lassen sich die Produzenten der CD den Spaß kosten.

Udo Hoffmann, langjähriger Veranstaltungsmanager in Peking, verfolgt fasziniert, wie aus einem noch vor wenigen Jahren kulturell fremden und politisch verdächtigen Festtag ein neuer Feiertag besonders für die Jugend wird.

Frei von Familie

Dieses "ausländische Fest ist so unbeschwert, weil es uns nicht verpflichtet und wir es nicht in der Familie begehen müssen; es ist so anders wie unser Frühlingsfest", erklärt ein eifriger Partygänger.

Ein Handbuch "Weihnachten richtig feiern" schlägt den Lesern "Xuebing daodi" vor: Einkaufen bis zum Geht-nicht-mehr. Wer dazu keine Lust hat, sollte romantisch bei Kerzenlicht essen, Bowling spielen oder Karaoke singen.

"Fest der Liebe"

Missverständliches über das "Fest der Liebe" verbreitet die Pekinger Wochenzeitung Lady Weekly. Sie verwechselt quasi die Heilige Nacht mit "heißer Nacht": Auf mehreren Seiten gibt sie Tipps für freizügige Kleidung und Ratschlage, wie man den 24. trotz Außenkälte zum sexuellen Erlebnis machen kann.

Die Begeisterung zeigt absurde Folgen: Kulinarische Magazine veröffentlichen Rezepte für Weihnachtskuchen, obwohl kaum ein Chinese ein eigenes Backrohr besitzt.

Chinas Zeitschrift Eltern verbreitet neueste pädagogische Erkenntnisse des Auslands, ab wann man seinem Kind sagen darf, dass es gar keinen Weihnachtsmann gibt: frühestens ab fünf Jahre. Die Zeitschrift vergisst, dass Chinas Kinder bisher ohne den Glauben an den Weihnachtsmann aufgewachsen sind.

"Chance für Mission"

Aus den Kirchen und Kathedralen Pekings, vor denen die wahren Gläubigen und Neugierige am 24. Dezember abends in langen Schlangen anstehen werden, kommen dennoch fröhliche Worte über den Rummel. "Früher fand Weihnachten nur in wenigen Hotels statt. Heute breitet es sich überall in den Großstädten aus. Für unsere Mission ist das eine Chance", sagt Pekings Ratspräsident Yu Xinli. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2004)

Von Johnny Erling aus Peking
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    Advent in Peking. Paramilitärs beäugen den Weihnachtsmann.

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