Nachlese zwischen Gräbern

29. Dezember 2004, 22:13
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Mit lange verdrängter Vergangenheit befasst sich ein Aufsehen erregendes Projekt auf dem jüdischen Friedhof in Krems

Das Künstlerduo Clegg & Guttmann hat dort eine öffentliche Bibliothek errichtet.


Krems – Der 1882 gegründete jüdische Friedhof in Krems liegt wie eine kleine vergessene Insel eingezwängt zwischen belebten Verkehrswegen. Betritt man ihn, tut sich aber ein ganz anderer Raum auf. Fast unmittelbar stößt man an eine Skulptur von Hans Kuppelwieser. Eine fast 50 Meter langes Metallband, das wie eine Schwelle nur ein wenig über dem Boden schwebt und auf dem Namen und Daten Namen und Daten der 129 ermordeten Kremser Juden zu lesen ist.

Nun gibt es hier eine neue künstlerische Arbeit. Clegg & Guttmann haben eine öffentliche Bibliothek errichtet. Gemeinsam mit Kuppelwiesers Arbeit tut sich hier insgesamt ein Erinnerungsraum auf, der vorbildlich für Österreich ist. Es sind drei Bücherregale – Größe und Form erinnern an einen Grabstein.

Sie enthalten eine Auswahl an Büchern (deutsche, hebräische und englische), die sich mit der jüdischen Philosophie und der Geschichte des Todes auseinander setzen. Die Besucher und Besucherinnen sind dazu eingeladen sowohl diese Bibliothek zu erkunden, die Bücher zu lesen, als auch selber Publikationen zu diesen Thematiken beizusteuern.

Für Clegg & Guttmann ist dies eine soziale Plastik, deren Bausteine Institutionen und soziale Faktoren sind. Anders als bei der offenen Bibliothek, die Clegg & Guttmann 1991 als Kunstprojekt in Graz und ganz Österreich errichteten, ist hier nicht nur der öffentliche und soziale Raum, sondern der konkrete Ort im öffentlichen Raum Thema.

Lebendiges Gedenken

Ein Friedhof hat im Judentum eine direkte Verbindung zum Leben. Eine verstorbene und begrabene Person ist beispielsweise immer noch eine Person öffentlichen Rechts. So ist auch diese Bibliothek so etwas wie ein symbolisches Bindeglied zwischen den Toten auf dem Friedhof und den Lebenden. Und somit ist die Arbeit von Clegg & Guttmann durchaus ein Denkmal für die einstmals blühende jüdische Gemeinde in Krems.

Der Historiker Robert Streibel bringt es auf den Punkt: "Krems an der Donau hat eine lange Tradition in Sachen Nationalsozialismus und Antisemitismus." Dieser Tradition soll nun offensichtlich ein Ende gemacht werden. Das Projekt geht zurück auf einen von der kunst im öffentlichen raum niederösterreich ausgeschriebenen Wettbewerb, aus dem ein Denkmal für einen in der Außenfassade der Piaristenkirche ehemals eingemauerten jüdischen Grabstein resultieren sollte.

Diesen Wettbewerb gewannen Clegg & Guttmann. Die beiden Künstler arbeiten mit einem Kunstbegriff, der als "sozialkommunikativer Prozess" verstanden werden kann. Sie siedeln ihre Installation an Bruchstellen in der Wahrnehmung zwischen gesellschaftspolitischer Aktion und Skulptur an. Nicht zuletzt steht die Bibliothek auch für so etwas wie alternative Formen von Information.

Anlässlich des 700-Jahre-Stadtfestes im nächsten Jahr wird auf Initiative des Vereins Freunde des Jüdischen Friedhofs Krems außerdem das verfallene Wörterhäuschen auf dem Friedhof in ein Informationszentrum umgewandelt.

Die von den Architekten Walter Kirpicsenko und Alexander Klose geplante Architektur sieht eine zwölf Meter lange und sechs Meter breite Betonplatte vor, die von vier Glasplatten getragen wird. Diese sind gleichzeitig selbst Träger der Dokumentation zur Geschichte der Juden in Krems von Robert Streibel. Gleichzeitig wird auch der jüdische Grabstein aus der Piaristenkirche hier eingearbeitet. Bestandteil ist weiters eine Toninstallation von Konrad Rennert. Dort wird über die Schicksale von Juden in Krems berichtet.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.12.2004)

Von
Franz Niegelhell
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