"Harald Schmidt hilft uns"

7. Februar 2005, 18:57
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Der ORF hätte ihn nötig gehabt, befanden deutsche Blätter, ARD bekam ihn

Vor einem Jahr ging die Welt unter. Zumindest im deutschen Feuilleton, ein bisschen auch im österreichischen.

"Gott ist tot"

"In diesem Advent verlöscht ein Glanzlicht", betrauerte die "Frankfurter Allgemeine" das jähe Ende der "Harald Schmidt Show" bei Sat.1. Mit Anke Engelke, die Schmidt einmal zum Heiland erhöhte,verstieg sich die Zeitung gar noch zu: "Gott ist tot".

"Wer soll uns nun eine neue Amoral geben, wer soll vordenken", rätselte die "Süddeutsche Zeitung": "Jedenfalls verliert der deutsche Journalismus sein Idol, die Intelligenzia ihren Konsens-Helden, den richtbildlichen Spötter. Nicht auszudenken, wie jetzt mit Niveauverdacht gelacht werden soll."

"Das Ende"

Schlicht "Das Ende" verkündete der Titel des Wehklagens in der Welt. Die "Frankfurter Rundschau" schrieb vom GAU, dem größten anzunehmenden Unfall, fragte: "Wie sollen nun unsere Tage zu Ende gehen?" Denn: "Der Sozialabbau ist kaum überwunden, kommt der Humorabbau. Auf was sollen wir noch alles verzichten?" Ihre Prognose: "Es wird zu beobachten sein, dass die Deutschen überhaupt nicht mehr lässig sind. Und das wird dann wirklich anstrengend."

Da fehlte nur noch die Protestseite im Internet unter geh-nicht.de.

Ein Jahr also mussten unsere Nachbarn ohne Lässigkeit auskommen, lachten nicht, und wenn, dann bar jedes Niveauverdachts, und durchlebten bittere Tage, denen auch noch das Ende fehlte.

"Premieren-Sondersendung"

Am Donnerstag um 21.45 Uhr wird die Nation aufatmen. "Premieren-Sondersendung" mit Harald Schmidt und Manuel Andrack. Ohne Helmut Zerlett oder einen anderen Bandleader, aber mit einem anstaltseigenen "Klangkörper", wie die ARD verlauten ließ. Ohne Assistenten. Gäste gibt es auch nicht mehr, ebenso wenig Einlagen wie Homers "Odyssee", inszeniert mit Playmobilfiguren. Publikum schon: Platz ist für 118 Zuschauer, zwei Schreibtische und ein Bücherregal, der Studiohintergrund ist in Terracotta-Tönen gehalten.

Und was tun die beiden dort? Aus dem Stegreif Unsinn verbreiten, ließ Andrack wissen, "klassische Late Night" ohne "verspielte Elemente", die sich die ARD verbeten hat.

Aktualität und Medienkritik

Klaus Michael Heinz, der zuständige Redakteur, erklärt das so: "Die Show wird zwei Standbeine haben. Sie baut auf Aktualität und auf Medienkritik auf. Harald Schmidt hilft uns, die Welt besser verstehen und das Fernsehen zu durchschauen."

Das ist nicht ganz billig: Rund acht Millionen Euro pro Jahr sollen der öffentlich- rechtlichen ARD wöchentlich zweimal 30 Minuten Harald Schmidt wert sein, die regulär am 19. Jänner beginnen. Zudem tritt er in den ARD-Radioprogrammen auf.

Wie nahe diese Zahl der tatsächlichen Summe kommt, verschweigen beide Seiten. Die ARD ließ ihre Tochterfirma Degeto den Vertrag schließen, die bisher für die Mutter Filme einkaufte. So müssen die Verträge mit Schmidt den Aufsichtsgremien der ARD- Anstalten nicht vorgelegt werden.

"Am liebsten im ORF"

Schmidt und sein Partner Fred Kogel, früher Geschäftsführer von Sat.1, haben sich laut dpa alle Rechte an der Sendung gesichert. Dazu gehöre die Ausstrahlung von Wiederholungen, die Verwertung der Sendung für Videohandys und für Merchandisingprodukte.

Ein Wunsch der "Frankfurter Allgemeinen" freilich ging nicht in Erfüllung, die vor einem Jahr rätselte, wo und wann Schmidts "Kreativpause" enden wird: "Wir würden im Moment ja am liebsten den ORF vorschlagen, die hätten einen Satiriker von Schmidts Gnaden wirklich nötig und eine Prise Ernsthaftigkeit, wie sie selbst das hiesige Privatfernsehen aushält." (Harald Fidler/DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2004)

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