Ich bin Pac-Man

13. März 2005, 16:14
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Der Spieler als Luftgitarrist: Die zweite Generation des EyeToy-Games ist auf dem Markt. Eine Begegnung mit dem Entwickler

Tom Gillo holt mit den Armen aus, springt nach rechts, dann nach links, nochmals nach links. Er bleibt kurz stehen, immer auf das TV-Gerät konzentriert, dann hüpft er wieder los, mitten im Zimmer. Tom spielt EyeToy, er ist gerade Tormann.

Ostwestliche Ruhelosigkeit im interaktiven Raum.

Eine berühmte, frühe "Closed-Circuit"-Arbeit von Nam June Paik besteht aus einer Buddha-Statue, die einem Fernsehmonitor gegenübersitzt und sich in ihm als gefilmtes Videobild sieht: ein klassisch gewordenes Symbol für westöstliche Meditation. Sonys EyeToy ist die Fortsetzung davon als Verkehrung ins Gegenteil: ostwestliche Ruhelosigkeit im interaktiven Raum.

Luftgitarre

Keine Ruhe, in der Tat. Tom fuchtelt mit der Hand, auf dem Schirm dasselbe Bild: Der fuchtelnde Tom erwischt darin eine Scheibe, auf der steht "Change Game". Im neuen Spiel ist er Gitarrist ohne Instrument, das sieht er nur im TV, die Musik geht los, er muss die richtige Stelle der virtuellen Klampfn - immerhin: eine Fender Stratocaster! - zur rechten Zeit treffen, wenn nicht, ist ein Herz weniger im Bild, wenn alle Herzen weg sind, ist die Musikerkarriere fürs Erste zu Ende, andernfalls bekommt er ein Bonus-Spiel. Tom Gillo, der Luftgitarrist.

EyeToys

Tom Gillo ist eigentlich "Senior Producer, EyeToy/ SingStar, Sony Computer Entertainment Europe" in London. Der gebürtige Engländer hat Musik und Kunst in Brighton studiert, war bei seinem ersten Arbeitgeber für Spielentwicklung zuständig, wechselte zu Lego Media und kam vor einem Jahr zu Sony. Da war die erste Generation der EyeToys schon auf dem Markt. Für die vor Kurzem veröffentlichte zweite ist er mitverantwortlich.

Real-Virtuell-Integration

EyeToy besteht aus einer kleinen Kamera auf einem TV-Set, die auf den davor stehenden Spieler gerichtet ist und ihn auf dem Schirm wiedergibt, und zwar hineinmontiert in ein zu wählendes Spiel. Ein kleiner Teil der Software besorgt diese Real-Virtuell-Integration. Der aufwändigere ermöglicht dem Spieler, auf das Bildschirmgeschehen zu reagieren und es dadurch zu beeinflussen. Um beim Beispiel des Goalies zu bleiben: Tom streckt sich nach den ihm im Monitor zugespielten Bällen. Erwischt er sie, fallen sie zu Boden. Verfehlt er sie, landen sie im Tor.

"Alle wollen unter dem Christbaum mitspielen"

Zwischendurch bekommt man Polaroids angeboten, von einem selbst als Tormann. Polaroids sind doch etwas ziemlich Altmodisches, are they not, Tom? Sind sie, sagt er, aber das sei Teil eines gewissen Charmes, der mit EyeToy mitentwickelt wird: "Eine Verbeugung vor den alten Familienspielen, bei denen jeder mitmachen konnte." Da die meisten Spiele - Tischtennis, Heimwerken, das Drumming Game, Baseball, um nur einige zu nennen - auch als Wettbewerb funktionieren, können mehrere teilnehmen, von bis zu vier Teilnehmern werden die Punkte gezählt und verglichen. "Alle wollen unter dem Christbaum mitspielen - das hat es in den vergangenen Jahren doch immer seltener gegeben."

Altmodisch charmant

Ein bissl altmodisch charmant ist auch das relativ schlechte Bild, das von der Kamera kommt - und das bei Sony, dem Produzenten der bahnbrechenden Digicams und Trinitron-Röhren. "Alles eine Frage des Preises", sagt dazu der knapp 30-jährige Senior Producer, "an diesem Ende wurde ein wenig gespart. Immerhin ist es schon deutlich besser als bei der ersten Generation." Die hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren fast vier Millionen Mal verkauft. "You can't argue with success, can you?"

Monkey Bar

Er habe da übrigens eine weitere "Verbeugung aus dem 21. Jahrhundert", vor Pac-Man, einem Pionier der Videospiele. "Das ist Monkey Bar", sagt Tom und führt es vor, indem er mit den Händen in der Luft nach virtuellen Kanten grapscht. Im Monitor klettert er einen dreidimensionalen Turm hinunter, hantelt sich an Mauervorsprüngen weiter, vermeidet Minen, verjagt nistende Vögel durch Klatschen (die Kamera hat ein Mikro eingebaut). Wenn er den Boden erreicht, hat er gewonnen und geht zum nächsten Level.

Pac-Man mit Körpereinsatz

Pac-Man mit Körpereinsatz. Das sei eine Absicht der Spieleentwickler. "Wir wollen fördern, dass sich die Spieler tatsächlich physisch bewegen und sogar verausgaben." Den Erziehern wird das bestimmt gefallen. Aber mögen das auch die Kids? "Bis jetzt", sagt Tom Gillo, "hat es noch keine Beschwerden gegeben. (Der Standard, Rondo, 22.12.2004, Michael Freund)

  • Artikelbild
    bild. sony
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