Kochtheater und Erzählzauberei

24. Mai 2005, 15:22
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In Marokko trifft das Mittelalter auf die Moderne, großartige Baudenkmäler kontrastieren mit kargen Wüstenlandschaften,...

Wenn Marrakesch die Essenz von Marokko ist - das Land ist schließlich nach der Stadt benannt - dann ist der Djemaa el-Fna seine Quintessenz. Noch zu Beginn des Jahrhunderts diente der Gauklerplatz im Zentrum der Stadt als Hinrichtungsstätte. Der hat heute ein harmloseres, aber um nichts weniger exotischeres Spektakel Platz gemacht.

Mit Einbruch der Dämmerung verwandelt sich der tagsüber beschauliche Platz in ein überwältigendes Gewirr an Menschen, Geschrei und Gerüchen. Dutzende von Essensständen bieten Schnecken ebenso feil wie Schafshirn oder gebratene Seezunge und geben dichte Rauchschwaden in den nächtlichen Himmel ab.

Das Kochtheater konkurriert mit zahllosen Schlangenbeschwörern, Musikgruppen, Tanzensembles und Akrobaten, die lautstark um die Aufmerksamkeit der abertausenden buhlen. Doch noch immer gilt, was Elias Canetti vor genau einem halben Jahrhundert erstaunt beobachtete: "Am meisten Zulauf haben die Erzähler. Um sie bilden sich die dichtesten und die beständigsten Kreise von Menschen."

Zu erzählen gibt es in und über Marokko wahrlich genug. Zum Beispiel, wie es zu seinem Gebirge kam: Der Titan Atlas, der gegen die Götter rebelliert hatte, musste zur Strafe den Himmel tragen. Als ihm der zu schwer wurde, bat Atlas darum, versteinert zu werden. Prompt wurde er von den Göttern ins marokkanische Gebirge verwandelt, das auf über 4100 Meter aufragt. Und womöglich hat es mit Atlas' Strafe und seinem Scheitern zu tun, dass der Himmel über Marokko so besonders blau ist und das Licht so wunderbar leuchtend.

Aber auch abgesehen davon haben es die Götter, Allah oder wer auch immer gut gemeint mit dem Land. "Wo sonst auf Erden könnt ihr morgens surfen, mittags Ski fahren und nachmittags golfen?", fragte kürzlich Arnold Schwarzenegger auf einer Werbetournee durch Japan. Die Antwort hätte natürlich einzig Kalifornien heißen sollen. Aber auch Marokko stimmt als Lösung: Wellenreiten ist an der Atlantikküste ebenso möglich wie Ski fahren im nicht weit entfernten Hohen Atlas, wo eine Seilbahn bis in 3273 Meter Höhe hinaufführt. Und an exquisiten Golfplätzen herrscht im Königreich dank der Initiative seines letzten Herrschers, Hassan II., ganz und gar kein Mangel.

Formuliert man die Frage des titanischen "Governator" um und will wissen, wo man an einem Tag jahrhundertealte Koranschulen besichtigen, in frühmittelalterlichen Souks shoppen und in römischen Ruinenstädten lustwandeln kann, dann sieht Kalifornien im Vergleich zu Marokko allerdings ziemlich alt aus.

Apropos Alter: Wenn der Gauklerplatz von Marrakesch ein Freilufttheater ist, dann ist die Altstadt von Fes, in der nach wie vor 350.000 Einwohner leben, ein riesiges Freilichtmuseum, in dem mit Profidarstellern Mittelalter gespielt wird. Die Anfänge dieser einzigartigen Medina gehen bis in das 9. Jahrhundert zurück. Aus dieser Zeit stammt auch die Kairaouine-Moschee, die den Anspruch erhebt, die älteste Universität der Welt zu sein.

An der Infrastruktur jedenfalls hat sich seitdem kaum etwas verändert: Maultiere und Esel sind die einzigen Verkehrsmittel, für alles andere sind die Gässchen zu schmal. Und im Handwerkerviertel scheint es, als ob die Zeit seit Ewigkeiten still gestanden wäre: Felle zum Beispiel werden mit Händen und Füßen weiterhin so gegerbt und gefärbt wie schon im 12. Jahrhundert - unter anderem mit Vogelmist und allen möglichen Pflanzenfarben.

Kaum eine Autostunde von Fes entfernt kann man sich noch einmal um ein Jahrtausend weiter in die Geschichte zurückbegeben: Die gut erhaltene Römerstadt Volubilis ist, so wie auch die Medina von Fes, von der Unesco zum Menschheitserbe erklärt worden.

Lange nach den Römern waren die Franzosen die letzten Kolonisatoren des Landes, nämlich von 1912 bis 1956. Sie haben insbesondere in Casablanca ihre Spuren hinterlassen und der größten Stadt des Landes die Moderne gebracht. In der Wirtschaftsmetropole säumen mondäne Bauten die eleganten Boulevards, dazwischen preisen Werbeplakate jene Dinge an, die auch bei uns der letzte Schrei sind. Und am Platz vor der riesigen Moschee Hassan II., die 1993 vollendet wurde, sind neben tief verschleierten Marokkanerinnen auch solche in Jeans und T-Shirt zu sehen.

Während in Casablanca die großen Geschäfte gemacht werden, blühen in den Basaren von Marrakesch die kleinen: Kein Handwerksprodukt, das es neben den Millionen von Lederschlapfen, den abertausenden von Teppichen und einem Dutzend verschiedener Dattelsorten.

Kaum etwas ist anregender, kaum etwas anstrengender als der Einkauf im Basar, den geschicktes Verhandeln ist das Um und Auf: "Für den Käufer gilt es als ehrenvoll, sich nicht betrügen zu lassen, aber ein leichtes Unterfangen ist das nicht, da er immer im Dunkeln tappt", schrieb Elias Canetti in "Die Stimmen von Marrakesch".

Verlässt man den Basar, tritt man wieder hinaus ins irrwitzige Treiben des Djemaa el-Fna und ist nicht nur im Herzen von Marrakesch, sondern auch im Herzen Marokkos. Das Freilufttheater, das dieser Platz bietet, ist so unvergleichlich, dass die Unesco eigens eine neue Kategorie schaffen musste: Das fünf Hektar große Areal zwischen der Altstadt, dem Königspalast und der Koutoubia-Moschee wurde zum ersten "immateriellen Erbe der Menschheit" erklärt. (Der Standard/rondo/22/12/2004)

...und endlose Strände sind von Viertausendern flankiert. Darüber hinaus ist das Land ein ideales Sonnentankareal, findet Klaus Taschwer

Info:
Die Lauda Air fliegt jeden Dienstag von Wien nach Casablanca, weiter in das Touristenzentrum Agadir und zurück direkt von Agadir.

Marokkanisches Fremdenverkehrsamt: Kärntner Ring 17/2/23, A-1010 Wien, Tel.: 01 512 53 26

Literatur: Elias Canetti: "Die Stimmen von Marrakesch" (u. a. als Fischer Taschenbuch erhältlich)
"Essaouira, endlich" ist eine in vielerlei Hinsicht aufschlussreiche ethnografische Milieustudie von Doris Byer (Droschl 2004).
Sehr solide Hintergrundinformation liefert Walter M. Weiss "Im Labyrinth der Träume und Basare. Marokkanische Mosaiksteine" (Picus 2004).
  • Die Königsstadt Marrakesch
    marokkanisches fremdenverkehrsamt

    Die Königsstadt Marrakesch

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