Süßwein-Homöopathie

4. April 2005, 15:24
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Der Süßweinmarkt ist international ein Nischenmarkt und in Österreich noch schwieriger. Aber manchmal bewegt er sich doch

"Wann hast du zum letzten Mal freiwillig Süßwein bestellt?", lautet die Gewissensfrage, bei deren Beantwortung selbst Weinfreaks und Experimentaltrinker öfter zögern, als man annehmen würde. Womit das Dilemma hierzulande auch schon bezeichnend beschrieben ist. Prädikatsweine - Spät- und Auslesen, Stroh- Schilf- und Eiswein, Beerenauslesen, Ausbruch als Ruster Spezialität und Trockenbeerenauslesen - machen einen kleinen Teil der österreichischen Weinproduktion aus. Dafür genau jenen, dem im Ausland lange vor trockenem Weißwein generell und Grünem Veltliner speziell Rosen gestreut wurden und der vor allem dort getrunken wird.

Mehr als drei Viertel der Gesamtproduktion gehen in den Export zu Abnehmern in den Beneluxstaaten, im englischsprachigen Raum, in Deutschland und in zunehmendem Maße auch in Asien, speziell Japan. Im eigenen Land ist man imagemäßig mit diesem Weinthema dem Keller näher als dem Dachgeschoss. "Süß" wird gern mit "billig" und "einfach" assoziiert, obwohl der ausgezeichnete Ruf Österreichs und die Preise, die international eingefahren werden, durchaus bekannt sind.

Eisweine und hochpreisige Trockenbeerenauslesen (TBA) sind die "Nischen"-Konstanten am Markt. Eiswein offeriert mit exotischen Fruchtaromen einen geradlinigen Zugang zu einer komplizierten Sache und ist trotz einfacherer Produktionsbedingungen (Ausfrieren des Wassers, in Österreich braucht man die Natur dazu, in Kalifornien oder Kanada z.B. ist es auch in Kühlhäusern erlaubt) auch imagemäßig oben angesiedelt. Einen Boom in der Bewertungen erleben derzeit Süßweine aller Stufen aus der Scheurebe, welche die mindestens ebenso interessanten, aber "schwierigeren" Welschrieslinge oder Chardonnays aufgrund der einprägsamen und zugänglichen Aromatik überflügeln.

Einige Marktbewegung gibt es bei Auslesen, zuckergradationsmäßig eine untere Stufe, die "deutlich im Trend liegen", wie Anne Thysell, Sortimentsmanagerin Wein bei Spar, bestätigt. Ein gängiger Erklärungsversuch heißt "asiatische Küche" und "kräftig gewürzte Kochstile". "Erschwinglicher Preis" ist aber mindestens ebenso plausibel, wenn nicht das stärkere Argument. Sie sind "Speise-Universalisten" (Thysell) und bieten doch einiges an Süßwein-Feeling, sind aber auch, wie die Blindverkostung von Spät- und Auslesen des Jahrgangs 2003 zum Ersten Burgenländischen Prädikatsweinforum gezeigt hat, im großen Durchschnitt gesehen qualitätsmäßig durchaus noch ausbaufähig.
"Der Markt ist generell schwierig", so Alois Kracher, national wie international angesehener Süßweinspezialist aus dem Seewinkel, sei dabei "nicht negativ zu werten, sondern ist schlichte Tatsache". Süßwein sei - erreichbarer - Luxus, erfordere aber auch ein gewisses Maß an Beschäftigung mit dem Produkt. "Ein Nischenmarkt", so Kracher, "und als Produzent muss man auch so agieren. Dazu gehört auch, immer wieder die Besonderheiten hervorstreichen." Eine Meinung, die auch von den Süßweinguru-Kollegen István Szepsy aus Tokay in Ungarn, Graf Alexandre de Lur Saluce, früher Château d'Yquem, heute Château de Fargues (Sautèrnes), und Egon Müller aus Wiltingen an der Mosel geteilt wird, die kürzlich anlässlich der Preisverleihung des Prädikatsweinforums in Wien waren. Um die Einzigartigkeit von Botrytis-Weinen populärer zu machen, jene Weine, die durch Edelfäule entstehen, haben sie im September 2004 das internationale Botrytis-Forum gegründet. Im Gegensatz zur Herstellung von Eiswein bzw. Stroh- und Schilfwein sind diese an ein bestimmtes Mikroklima (Wärme und Feuchtigkeit) geknüpft, ergo von Lage und Region abhängig.

Die Märkte sind überall homoöpathisch

Dazu komme - in manchen Jahren - akribische Selektion manchmal nur von einzelnen Beeren. Passt das Wetter nicht, fällt Botrytis, also auch das Produkte daraus, fast oder zur Gänze aus. Ein Risiko, das nicht viele Winzer eingehen. Erwin Tinhof, Winzer in Eisenstadt, macht Beerenauslesen und TBA, "wenn es möglich ist": Anteil am Gesamtsortiment rund zehn Prozent. "Die Märkte sind überall homöopathisch." In manchen Ländern wie z.B. Italien, wo er im Herbst 2004 mit einer TBA Cuvée 1995 (Welschriesling, Neuburger, Weißburgunder mit etwas Muskat Ottonel) bei "Selezione del Sindaco 2004", einer Jury des Verbandes der Weinstädte, einen "Gesamtsieger" gemacht hat, sei die Offenheit gegenüber Süßem größer. In Österreich tendiere man dazu "Namen, nicht Süßwein" zu kaufen, was für Nicht-Namen nicht "easy, aber auch kein Nachteil ist, weil man überraschen und dadurch überzeugen kann."

Bei Speisen-Süßwein-Kombinationen lernt man in Österreich immer noch, während in anderen Ländern Phantasie und Lust an schrägen Kombinationen schon länger existiert. Süßweine mit Blauschimmelkäse, eine Verbindung mit hohem Suchtpotenzial, gilt hier fast noch als Exotikum. Marcel Proust empfahl seinerzeit Château d'Yquem und Austern. Dass Süßes zum Hauptgang (z.B. Wildgeflügel, Blutwurst-Ravioli) angeboten wird, kommt nur in Ausnahmefällen vor.

"Wir bringen Süßweine nicht in Aktionen an die Kunden", erklärt Thysell, "sondern als Empfehlung zu Speisen". Gerade bei Süßem österreichischer Provenienz gab es 2004 deutliche Umsatzsteigerungen. Ab Frühjahr 2005 wird Spar jedenfalls unter der Eigenmarkte eine süße Serie in unterschiedlichen Prädikatsstufen in die Märkte bringen. (DERSTANDARD/rondo/Luzia Schrampf/22/12/04)

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    foto: wein burgenland
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