Die Nacktheit der angezogenen Welt

28. Dezember 2004, 13:01
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Tom Wesselmann starb 73-jährig - Einer der wichtigsten Vertreter der Pop-Art provozierte mit seinen "Great American Nudes"

New York - Seine Arbeiten galten in den späten Sechzigerjahren als pornografische Provokationen: Die mittlerweile zu Klassikern gewordenen Great American Nudes, großformatige Aktbilder im Stil hochglanzpolierter Werbung, zeigten den Menschen als Projektionsfläche für ökonomische und sexuelle Interessen. Einen Zusammenhang, den er in seiner Ästhetik auf kalt zelebrierende Weise offen legte. Mit den Nudes wurde Wesselmann zu einem der bedeutendsten Repräsentanten der Pop-Art. Gleichrangig mit Künstlern wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Jasper Johns und Robert Rauschenberg.

Wesselmann wurde am 23. 2. 1931 in Cincinnati, Ohio geboren. Er studierte ab 1949 am Hiram College in Ohio; ab 1951 Psychologie an der Universität von Cincinnati. Nach dem Koreakrieg begann er sein Studium an der Kunstakademie in Cincinnati; 1956-59 studierte er an der Cooper Union School of Art and Architecture in New York.

Wesselmanns erste eigenständige Arbeiten entstehen 1959/60 als kleinformatige Collagen aus gefundenen Materialien und weggeworfenem Papier, die in der Folge zu großformatigen Stillleben mit alltäglichen Gebrauchsgegenständen und Elementen aus der Werbung weiterentwickelt werden. Nach anfänglichen Versuchen im Stil des abstrakten Expressionismus begann er bald mit Collagen im Geiste der Gouacheschnitte von Matisse zu experimentieren.

Seine erste Einzelausstellung hatte er 1961 in New York. Schon zu dieser Zeit wandte sich Wesselmann vom so genannten Abstrakten Expressionismus der "New York School" ab. Er interessierte sich mehr für das Zusammenspiel von Warenwelt und Kunst und begann die Werbung als unermesslichen Fundus für sein ironisch-collagierendes Werk zu benutzen.

Schnell löst er sich vom traditionellen rechteckigen Bildformat und verwendet häufig offene Umrisse, orientiert am jeweiligen Sujet. Seine Arbeiten sind in design-gerechten Farben gehalten und widerspiegeln eine glatte, kühl anmutende Fassade. Betrachtungsebenen werden auf diese Weise multipliziert.

Insgesamt zeigt er den Modernismus in gewaltigem Ausmaß und in perfekten Kompositionen. Feierliche Glätte und kritischer Impetus gehen bei ihm ineinander über. In satirisch-kritischen Werken wie Seascapes oder Bathtub Collages sind Frauenkörper inmitten von Hygieneartikeln und Handtüchern nur mehr entpersönlichte Chiffren, werden selbst zu Waren. Als Vorlage dienten ihm Darstellungen in Massenmedien, wie Werbeprospekte, Plakate, Film und Fernsehspots. In den Great American Nudes schließlich stellte er ab 1962 Teile weiblicher Akte wie Mund oder Brust in riesigen Formaten und plakativen Farben und Formen dar. Auch diese umgab er mit Konsumrequisiten wie Heizkörper, Badewannen und Radios.

Wie ein Sprecher der Robert Miller Gallery in Chelsea erklärte, erlag Tom Wesselmann bereits am Freitag in einer New Yorker Klinik den Folgen einer Herzoperation. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2004)

Von
Franz Niegelhell

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Art Cyclopedia: Tom Wesselmann
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    Interessiert am Zusammenspiel von Warenwelt und Kunst: Pop-Art-Künstler Tom Wesselmann (1931-2004), hier in seinem New Yorker Atelier im Jahr 1965.

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