Lehre vom produktiven Nörgeln

28. Dezember 2004, 12:56
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Hans Magnus Enzensberger will mit dem 249. Band die "Andere Bibliothek" beenden

Frankfurt am Main - "Nörgler und Unzufriedene gibt es immer. Wir zählen uns zu ihnen. Deshalb wollen wir damit anfangen, die Andere Bibliothek zu veröffentlichen: und wir haben nicht die Absicht, damit aufzuhören, solange wir unzufrieden sind. Das kann sehr lange dauern."

1984 erklärten Hans Magnus Enzensberger (alias HME) und der Verleger Franz Greno mit der Gründung der Anderen Bibliothek das produktive Nörgeln zur hohen (Buch-)Kunst. 240 Bände - pünktlich einer jeden Monat - erschienen seither: ausgesuchte Inhalte, quer durch Jahrhunderte und Kontinente, sorgsam gestaltet wie kaum ein Buch heute. Von Lukians Lügengeschichten, mit denen das Unternehmen programmatisch eröffnete, über Ryszard Kapuscinskis Afrikanisches Fieber zu Alexander Humboldts Kosmos.

"Das kann sehr lange dauern." - Der Satz und HMEs unerschöpfliches Repertoire an Entdeckungen ließen hoffen. Momentan sieht es allerdings aus, als dauerte dieses "sehr lange" nur noch sehr kurz: In einem Brief erklärten am Dienstag HME und Greno ihren Entschluss, "unsere Arbeit mit dem Septemberband 2005 abzuschließen. Die entsprechenden Verträge mit dem Eichborn Verlag haben wir mit Wirkung zum 30. September 2005 gekündigt."

Ein Vorhaben, das man bei Eichborn, wo die Andere Bibliothek seit 1989 erscheint, so nicht akzeptiert. Umgehend veröffentlichte Matthias Kierzeck, alleiniger Vorstand der Eichborn AG und seit 1989 mit dem Erscheinen der Anderen Bibliothek befasst, seinerseits einen Brief, indem er versicherte, man wolle mit Enzensberger verhandeln. "Denn unabhängig vom Wunsch des Herausgebers will Eichborn zu seinen Verpflichtungen stehen und wird alle bereits geschlossenen Verträge erfüllen, die weit bis ins Jahr 2006 reichen."

Über die Hintergründe von Enzensbergers plötzlichem Ausstieg lässt sich nur spekulieren: Zum einen soll es Streit gegeben haben zwischen dem Verlag und HME/Greno um zusätzliche Mittel zur Bewerbung des 1,5 Millionen Euro teuren Humboldt-Projekts. Zum anderen droht dem Eichborn Verlag derzeit die Übernahme der Aktienmehrheit durch den Finanzinvestor Ludwig Fresenius, der mit der Investorengemeinschaft Fresenius GbR bereits über 41 Prozent der Aktien hält und mit einem Pflichtgebot, über das bis Ende Jänner entschieden wird, vielleicht die absolute Mehrheit erwirbt - um sie dann eventuell gewinnträchtig zu verkaufen.

Juristisch betrachtet steht Enzensbergers Kündigung jedenfalls auf schwachen Füßen: Auf seinen Wunsch hin beträgt die Kündigungsfrist drei Jahre. Die Rechte für die Reihe liegen bei Eichborn. Weshalb Hoffnung besteht, dass HME bis September 2007 bleibt - und sich nur ein weiteres Mal übt in der Kunst des produktiven Nörgelns. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2004)

Von
Cornelia Niedermeier
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    Verkündet das Aus für die von ihm gemeinsam mit dem Verleger Franz Greno vor zwanzig Jahren gegründete "Andere Bibliothek": Hans Magnus Enzensberger.

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