Italien: "Verrat an unseren Wählern"

22. Dezember 2004, 16:52
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Der Bruch im linken Ölbaum-Bündnis erzürnt Romano Prodi

Nur wenige Monate vor den Regionalwahlen befindet sich Italiens oppositionelle Ulivo- Allianz in einem kläglichen Zustand. Bei einem Treffen in Rom kam es am Montag zum offenen Bruch zwischen Oppositionsführer Romano Prodi und Margherita-Chef Francesco Rutelli, dessen linkskatholische Partei eine Einheitsliste bei den Regionalwahlen kategorisch ablehnt. "Ich bin tief enttäuscht. Diese Entscheidung zwingt mich, gründlich über die Zukunft nachzudenken", erklärte Prodi sichtlich erzürnt. "Wir haben die Erwartungen unserer Wähler bitter enttäuscht."

Bei der jüngsten Großkundgebung des Ulivo in Mailand hatten über 15.000 Anhänger die Parteichefs der zerstrittenen Allianz mit "Unitá, Unitá"-Rufen zur Einheit aufgefordert. Doch in der Koalition, die seit Wochen über ihren Namen streitet, hielt das Gerangel um die Spitzenplätze bei den Wahlen unvermindert an.

Die Kommunisten wollen den Spitzenkandidaten in Apulien stellen. Andernfalls drohen sie mit dem Verlassen der Koalition. Clemente Mastella von der kleinen christdemokratischen UDEUR blieb dem Gipfeltreffen in Rom aus Protest fern. Er fordert den Spitzenplatz in der Region Basilicata und droht mit einem Wechsel zum Rechtsbündnis.

Rutelli lehnt eine Neuauflage der bei den Europawahlen erfolgreichen Einheitsliste ab, weil er um den Fortbestand seiner Partei fürchtet. Auch ein Vermittlungsversuch des Parteichefs der Linksdemokraten Piero Fassino blieb erfolglos. Fassino frustriert: "Es hat keinen Sinn, wenn jede Region einzeln entscheidet. Wir brauchen überall eine Einheitsliste." Prodi warf Rutelli vor, "die Zukunft des Landes aufs Spiel zu setzen".

Der Ulivo-Spitzenvertreter Massimo Cacciari sieht den erhofften Wahlsieg gefährdet: "Die gebärden sich wie verrückte Ziegen auf der Weide." Die linksliberale Tageszeitung La Repubblica resigniert: "Ein bitterer Tag, der gezeigt hat, wie weit sich die Führer des Ulivo von den Gefühlen und Hoffnungen ihrer Wähler entfernt haben." (DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2004)

Gerhard Mumelter aus Rom
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