"Wir hoffen, ein Partner der EU zu werden"

26. Dezember 2004, 19:18
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Juschtschenko-Berater Anatoliy Grytsenko im STANDARD-Interview über die Wahl­wiederholung und die Perspektiven danach

Standard: Rechnen Sie am Sonntag mit einer fairen Wahl ohne Fälschungen?

Grytsenko: Wir haben keine Illusionen, dass wieder versucht wird, die Wahlresultate zu fälschen. Aber es gibt positive Trends. Das geänderte Wahlrecht erschwert nun Missbräuche, und es ist ein Wandel bei den Vertretern der Regionalverwaltungen zu beobachten. Sie verstehen, dass Viktor Juschtschenko bessere Siegeschancen hat und wollen ihre Stellungen nicht riskieren, da der Präsident die regionalen Gouverneure und die örtlichen Behörden ernennt.

Standard: Welche Reformen wird Juschtschenko bis Frühjahr 2006 anpacken, wenn er gewählt wird?

Grytsenko: Innenpolitisch wird er Business und Macht voneinander trennen, für eine faire Rechtsprechung sorgen, die Marktwirtschaft einführen und die Korruption bekämpfen, die Staat und Regierung durchdrungen hat . . .

Standard: Ist die Gefahr einer Teilung der Ukraine real?

Grytsenko: Nein, das war alles künstlich und ist von den Gouverneuren in Charkiv, Lugansk und Donezk angezettelt worden. In diesen Regionen gab es die meisten Wahlfälschungen, und die Gouverneure wollten sich mit dem Spiel des Separatismus ihrer Verantwortung entziehen. Tatsächlich sind die Menschen in allen Regionen mit den gleichen Problemen konfrontiert: Arbeitslosigkeit, keine Gehälter, hohe Preise, keine Pensionen. Es gibt aber kein Thema, dass die Regionen voneinander trennt.

Standard: Wie will Juschtschenko den Beitritt der Ukraine zur EU erreichen?

Grytsenko: Juschtschenko versteht, dass er erst die Kriterien wie höheren Lebensstandard, Verantwortung, Transparenz und demokratische Werte erfüllen muss. Wir erwarten zwar keine ernsthaften Veränderungen in der EU-Politik gegenüber der Ukraine oder Versprechungen oder einen Zeitplan. Aber wir hoffen schrittweise, durch die Schaffung freier Wirtschaftszonen oder durch eine Assoziierung, ein Partner der EU zu werden. Die EU ist schließlich an einer stabilen Zone an ihren Außengrenzen interessiert.

Standard: Und den Beitritt zur Nato? Der frühere US-Spitzendiplomat Richard Holbrooke meint, die Ukraine solle in fünf Jahren Nato-Mitglied werden.

Grytsenko: Dafür muss die Ukraine keine fünf Jahre mehr warten. Militärisch sind wir weiter als manche Nato-Mitglieder. Wir haben durch das "Partnership for Peace"-Programm bewiesen, dass wir ein zuverlässiger Partner sind.

Standard: Die große Frage: Wie wird Juschtschenko die Ukraine gegenüber Russland positionieren?

Grytsenko: Wenn Juschtschenko gewinnt, heißt das nicht, dass Russland verloren hat. Putin ist mit seiner Unterstützung für Janukowitsch einfach falsch beraten worden. Uns kommt es darauf an, dass beide Länder eine normale Zusammenarbeit entwickeln. Diese sollte nicht auf Stärke basieren, sondern auf dem Verständnis der Wichtigkeit der beiden Länder. Als pragmatischer Wirtschafter versteht Juschtschenko, dass er nicht nur eine Richtung einschlagen darf, sondern überall dahin gehen muss, wohin er kann. Wir sind aber ein unabhängiges Land und wollen auch so gesehen werden. Jeder ausländische Einfluss muss eingeschränkt sein.

Das Gespräch führte Monika Jung-Mounib

Zur Person

Anatoliy Grytsenko leitet derzeit die Abteilung für Informations- und Politikanalyse im Hauptquartier von Viktor Juschtschenko. Er ist zudem Vorstandsmitglied des Ukrainischen Zentrums für Wirtschaftliche und Politische Studien, das auch als Razumkov-Zentrum bekannt ist.

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