Pliplaplurrr, sagte die Harfe, schöne Weihnachten miteinander

23. Dezember 2004, 23:50
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Bald haben wir es hinter uns. Gleich wird das Jahr um die Ecke gebracht, und davor haben wir uns noch einmal richtig zusammengenommen, damit es auch rituell ordentlich zugeht. Ich habe z. B. die CD „Rock Christmas“ gekauft. S. erklärte mir, dass er, jedes Mal wenn er die Werbung für die „Rock Christmas“-CD – übrigens eine Doppel- CD – höre, sich frage, wer um alles in der Welt so einen Mist kaufe. Und dann liegt sie bei mir auf dem Plattenteller. Ich entschuldigte mich mit dem Alter. Musik ist ja so was wie zukaufbares Sentiment. Wenn das Herz im Laufe des Jahres, wie ein Sandkorn in einer Weihnachtsauster, wieder eine neue Perlmuttschicht Versteinerung angelegt hat, kann man mit ein bisschen Musik so tun, als wäre man durchaus noch anrührbar.

Normalerweise höre ich nicht viel Musik, weil da besser nichts angerührt wird, und von Freuds Schriften hab ich nur einen meinte, dass er völlig unempfindsam, ja gleichgültig gegenüber Musik sei. Wortanbeter wie Sigmund und ich können es uns nicht leisten, von einem unterbewussten Akkord aus dem Konzept gebracht zu werden. Die „Rock Christmas“-CD, ich kann mich rechtfertigen, hat natürlich einen klaren ökonomischen Sinn: Wer sich zu Hause gegen Rock-Weihnachtsmusik immunisiert, wird nicht auf das mit Rock-Weihnachtsmusik unterlegte Mobiltelefonangebot hereinfallen und spart bares Geld, weil er nicht das nächste Jahr dauernd für null Cent telefonieren muss.

Da fällt mir noch ein, dass man Musik in E- und U-Musik einteilt. Ich glaube, meine neue „Rock Christmas“-CD ist E wie Entertainment. U-Musik ist Unterhaltung. Es gibt eine Faustregel: je verbildeter der Mensch, desto teurer die Musik. Wenn es einem Jugendlichen noch gelingt, von einer Gitarre am Lagerfeuer angerührt zu werden, dann braucht ein gestandener Dr. phil. mindestens das London Symphony Orchestra mit sechs überbezahlten Harfenistinnen, um auf Wolke sieben zu kommen. Oh, was hab ich da wieder geschrieben, wahrscheinlich habe ich jetzt sämtlichen überbezahlten Harfenistinnen des Landes die Weihnachtsferien verdorben. Vermutlich kratzen sie sich jetzt nervös die Ellbogen wund, denn wir wissen, Harfenistinnen werden nur aufgrund makelloser Ellbogen eingestellt. Ist das jetzt zynisch? Zu Weihnachten wollte ich wenigstens einmal eine liebevolle Kolumne schreiben.

Bing Crosby schmettert grad „White Christmas“ von der „Rock Christmas“-CD – ich fürchte, das Lied ist eine Atomkriegsmetapher. So was wie „Götterdämmerung“ auf Amerikanisch. Bitte nehmen Sie das nicht persönlich, liebe Harfenistinnen! Hautcremes zur Ellbogenpflege sind teuer, deshalb ist Ihr Gehalt gerechtfertigt. Pliplaplurrr, sagte die Harfe, schöne Weihnachten miteinander.
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin (Der Standard/rondo/22/12/2004)

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