Das Kinderdorf als neue Heimat

4. Juli 2005, 10:58
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Zwischen Problemen und Freuden: Eine junge Bewohnerin erzählt

Draußen ist es kalt, während ich im warmen Café der bewegten Lebensgeschichte von Nadine (Name von der Redaktion geändert) lausche. Seit neun Jahren wohnt die jetzt 15-Jährige in einem Dorf, das, hinter Hecken und Bäumen versteckt, erst durch die leuchtend gelbe Fahne mit der Aufschrift "Kinderdorf Kronhalde" als etwas Besonderes erkennbar wird.

Nadines gute Laune überrascht. Ohne jegliche Schüchternheit beginnt sie zu erzählen: "Als ich drei war, kamen meine Schwester und ich in eine Pflegefamilie." Sie hält kurz inne. Den Grund dafür möchte sie nicht nennen. "Nach weiteren drei Jahren kam ich in das Kinderdorf", wo sie sich vorerst "alleine und unbehaglich" gefühlt habe, zumal ihre Schwester in der Pflegefamilie blieb. "Es war alles so neu: die Umgebung, die Leute."

Zu ihrer Schwester habe sie immer noch ein "sehr gutes Verhältnis", betont Nadine. Zu ihrer Mutter nicht. "Wenn wir uns treffen, ist sie nie wirklich bei der Sache und erscheint mir desinteressiert. Außerdem nimmt sie sich viel zu wenig Zeit für mich. Das macht mich natürlich traurig, aber auch ein wenig wütend."

Wenig Beschäftigung

Nach einer weiteren kurzen Unterbrechung schildert Nadine ihre momentanen Lebensumstände: Zusammen mit fünf jüngeren Kindern - "die manchmal sehr nervig sein können" - wohnt sie bei einer von zehn Dorffamilien, hat dort ihr eigenes Zimmer und erledigt einen Teil der Hausarbeit. So "normal" Nadines Alltag aussieht, gibt es auch Schattenseiten. "Das Fehlen von Beschäftigungsmöglichkeiten ist oft ein echtes Problem. Denn es gibt weder einen Unterhaltungsraum, und Fernsehen dürfen wir nur selten. Da wird einem häufig langweilig, wenn man nicht gerade etwas vorhat", seufzt Nadine. Mit einem Augenrollen spricht sie damit das nächste "Dilemma" an. "Man muss sich immer abmelden und angeben, wohin man geht und wie lange. Diese Kontrolle wirkt beengend", sagt Nadine.

Ein großes Fest für alle Auf ihre bevorstehende kaufmännische Lehrausbildung freut sich Nadine besonders. "Dann kann ich endlich Geld verdienen." Die 15 Euro Taschengeld pro Monat, sind schnell für das Nötigste ausgegeben. "Aber zum Glück ist ja bald Weihnachten, dann gibt es wieder Geschenke", sagt Nadine lächelnd. Die Päckchen unter dem Baum sind aber nicht der einzige Grund für ihren Enthusiasmus: "Am Weihnachtsabend treffen sich alle Dorffamilien, um gemeinsam zu feiern. Wir studieren auch Theaterstücke ein, die wir aufführen. Es herrscht immer eine gute und auch besinnliche Stimmung. Zudem ist es schön, wenn einmal alle so richtig fröhlich sind."

(DER STANDARD-Printausgabe, 21.12.04)

Von Julia Reiner aus Bregenz
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