So viele Firmenpleiten wie noch nie

21. Dezember 2004, 17:46
65 Postings

Bei einem Rekordhoch von insgesamt knapp 6.300 Firmenkonkursen schlitterten heuer täglich 25 Firmen in die Insolvenz - Mehr als 5.600 Privatkonkurse - Mit Infografik

Wien - Trauriger Insolvenz-Rekord zu Weihnachten: Mit 6.273 Firmenpleiten wurde in Österreich heuer ein neuer Negativ-Rekord aufgestellt. Noch nie hat es in Österreich in der 2. Republik so viele Firmenzusammenbrüche gegeben, betonte Insolvenz-Spezialist Hans-Georg Kantner am Dienstag bei der Jahrespressekonferenz des Kreditschutzverbands von 1870 (KSV). Das Jahr 2004 stelle für Österreich ein "Alltime-High" dar. 2005 sei mit keiner deutlichen Besserung zu rechnen. Mit insgesamt 5.613 Fällen hat auch die Zahl der Privatkonkurse einen Rekord erreicht.

Täglich 25 Firmenpleiten

Im Detail kletterten die Firmenpleiten um 11,2 Prozent auf 6.273 Fälle. Besonders dramatisch gestiegen sind die mangels Masse abgewiesenen Konkursanträge und zwar um 24,0 Prozent auf 3.331 Pleiten. Bei den eröffneten Verfahren gab es ein Plus um 0,5 Prozent auf 2.942 Insolvenzen, so Kantner. Die geschätzten Insolvenzverbindlichkeiten erhöhten sich im Jahresvergleich um 4,2 Prozent auf 2,5 Mrd. Euro, die Zahl der betroffenen Dienstnehmer hingegen ging um 7,0 Prozent auf 21.300 Betroffene zurück. Dies bedeute, so Kantner, dass 2004 täglich 25 Firmen in die Pleiten geschlittert seien und davon 85 Arbeitsplätze betroffen waren.

Besonders dramatisch, so Kantner sei der kräftige Zuwachs bei den abgewiesenen Konkursen. Dabei handle es sich nach seiner Schätzung bei rund einem Drittel der mehr als 3.300 Fälle um betrügerische Krida, bei einem weiteren Drittel gebe es Unrechtmäßigkeiten bei der Liquidation. Für 2005 erwartet Kantner einen leichten Rückgang bei den eröffneten Verfahren, jedoch ein Gleichbleiben bei den mangels Masse abgewiesenen Konkursen.

Bauwirtschaft am stärksten betroffen

Die Bauwirtschaft ist nach wie vor am insolvenzanfälligsten. Mit 1.005 Pleiten und Passiva in Höhe von 434,9 Mio. Euro hielt die Bauwirtschaft 2004 nach wie vor den ersten Platz in der Pleitenstatistik. Auf dem zweiten Platz folgten die unternehmensbezogenen Dienstleistungen mit 979 Verfahren und 405,3 Mio. Passiva und dem Gastgewerbe mit 863 Verfahren und Passiva in Höhe von 110,6 Mio. Euro. Die Baubranche leide seit gut einem Jahrzehnt an Überkapazitäten und einer vollkommen kurzsichtigen Ausschreibungspraxis der Öffentlichen Hand, analysiert Kantner.

Nach Bundesländern gab es 2004 die meisten Verfahren in Wien mit 2.035 Pleiten und Passiva von 850 Mio. Euro, gefolgt von Oberösterreich mit 920 Fällen und Niederösterreich mit 840 Fällen. Die größten Pleiten waren heuer der Konkurs der Mülldeponie in der Verlassenschaft der Helene Berger im niederösterreichischen Weikersdorf mit Passiva von 148,6 Mio. Euro. Der Konkurs der Bau-Gruppe Gassner in Zell/See verursachte Passiva von 71,4 Mio. Euro. An dritter Stelle rangiert der Konkurs des Metallwaren-Großhandels Toder in Wien mit Passiva von 43 Mio. Euro. Platz vier geht an den niederösterreichischen Baugewerbebetrieb Buhl in Gars/Kamp.

Ein Viertel mehr Privatkonkurse

Die Zahl der Privatkonkurse stieg 2004 um 25,9 Prozent auf 5.613 Fälle. Bei den eröffneten Verfahren gab es ein Plus um 24,8 Prozent auf 4.708 Pleiten, bei den mangels Masse abgewiesenen Konkursanträgen verzeichnete der KSV ein Plus um 32,1 Prozent auf 905 Fälle. Die geschätzten Insolvenzverbindlichkeiten stiegen um 20,9 Prozent auf 700 Mio. Euro.

Nach Bundesländern gereiht wird die Privatkonkurs-Statistik, die es seit neun Jahren gibt, von Wien mit 1.210 Fällen angeführt, es folgen Oberösterreich mit 998 Fällen und Tirol mit 789 Fällen.

Für das kommende Jahr schätzt Kantner bei den Privaten einen Ansteig auf rund 6.000 Fälle. In Österreich gebe es derzeit rund 400.000 Menschen mit gravierenden Liquiditätsproblemen, davon gehen pro Jahr mittlerweile 5.500 in Konkurs.

KSV fordert Beitragssenkung

Nach wie vor fordert der KSV eine Senkung des Beitrages zum Insolvenzentgeltsicherungsfonds oder Pleitenfonds von derzeit 0,7 Prozent der Lohnsumme auf 0,4 Prozent. Der Fonds, so Kantner, bilanziere seit 1999 positiv mit jährlichen Überschüssen von 180 bis 200 Mio. Euro. Seit Jahren werde der Pleitenfonds von der Regierung als "Privatschatulle" betrachtet und die Mittel zweckentfremdet verwendet. Eine Beitragssenkung auf 0,4 Prozent würde für die Unternehmen Einsparungen von 180 Mio. Euro pro Jahr bedeuten. Und dies würde, nach Schätzungen des KSV, 7.000 bis 9.000 zusätzliche Arbeitsplätze bringen. Würde man die Einsparungen des Arbeitslosengeldes hinzurechnen, würde die Zahl der zusätzlichen Arbeitsplätze auf 10.000 bis 15.000 steigen. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der KSV rechnet 2005 bei den Firmenpleiten mit keiner Besserung.

Share if you care.