Operation Büstensturm

26. Dezember 2004, 22:31
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Martin Kusejs Berliner "Carmen"-Inszenierung: Viel Sand, viel Ehr

Den Schauspielchef der Salzburger Festspiele, Martin Kusej, an der Lindenoper in Berlin Georges Bizets Carmen anzuvertrauen, ist an sich keine schlechte Idee. Herausragende Inszenierungen sind in der deutschen Hauptstadt gegenwärtig die Ausnahme - und mittlerweile, seit Andreas Homoki dort das Zepter übernommen hat, eher an der Komischen Oper zu finden.

Zudem versteht sich der Kärntner auf die dunklen Frauengestalten - Salome und Elektra zuletzt in Zürich waren beeindruckende Würfe. In Berlin hatte er noch dazu für den Don José einen souverän, sein tenorales Verführungspotenzial verströmenden, jungen Star wie den Mexikaner Rolando Villazón und eine Carmen mit der dunklen Präsenz der Russin Marina Domashenko zur Verfügung.

Das Haus kann außerdem für die Micaëla die warme Glockenklarheit einer Dorothea Röschmann aufbieten, hat überhaupt ein Ensemble, das mitzieht, einen gut disponierten Chor und mit Daniel Barenboim einen Dirigenten, der lustvoll seine Staatskapelle sowohl im lyrischen Griff hat als auch gelegentlich losschmettern lässt. Eigentlich alles Erfolgszutaten.

Wenn sich von Kusejs Version dieser französisch-weiblichen Antwort auf den Don Giovanni sagen lässt, er hätte sie in den Sand gesetzt, dann ist das erst einmal wortwörtlich zu nehmen und Jens Kilians Bühne zuzuschreiben. Ganz abwegig ist es allerdings auch im übertragenen Sinn nicht. Vergleicht man diese Carmen-Inszenierung mit Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk, die Hans Neuenfels kürzlich als ein sowohl psychologisierendes als auch stilistisch formvollendetes Meisterwerk auf die Bühne der Komischen Oper zauberte, dann war Kusejs Carmen-Regie nicht mehr als eine Melange aus Versatzstücken des "Regietheaters".

Sand ist immer auf der reichlich rotierenden Drehbühne. Zu Beginn, wenn ein untergehender Raum nur noch etwas aus dem Boden ragt. Unterm Wasserturm in der nächtlichen Wüste oder zwischen den gewaltigen Mauern einer Kirchenruine bei den Schmugglern. Und schließlich in der gleißenden Helligkeit der Arena, in der Don José und Carmen miteinander kämpfen bis zum Tod.

Zwischendrin gelingen dem Kärntner Fachmann für Obsessionen (und seit seinem Don Giovanni offenbar auch für die Unterwäscheabteilung des Fundus) natürlich beeindruckende Bilder: so der Chor der Toten mit den blutenden Herzen in den Händen zwischen den Kirchenwänden, wenn Carmen vom Tod singt. Oder, wenn im überhaupt dicht geratenen vierten Akt, in dem der Platz vor der Arena zur Arena eines letzten Zusammentreffens von tödlicher Leidenschaft wird und seinen Zweck erfüllt. Da erstarrt das Gewusel des Chores für einen Moment.

Oder wenn Carmen mit Escamillo vor dem Kampf zusammentrifft, wird dieser Dialog zu einem gespenstischen Schattenspiel einer unmöglichen Liebe. Solche Szenen lösen das poetisch deutende Versprechen des Anfangs (bei dem José nach dem Mord an Carmen erschossen wird) ein. Aber sie sind die Ausnahme. Die wird vom Impetus der jedes Spanienklischee bewusst wegwischenden Pseudoabstraktion überlagert. Die dann doch wieder jede Menge Klischees einschleust. Wie den für Kusej erstaunlich unbeholfenen Umgang mit dem Chor.

Eine Carmen, die meistens an der Rampe das Abgründige beschwört, aber die Diva in Szene setzt. Eine Michaëla vom schlimmsten Operndorf. Und einen Torero, der blass (Hanno Müller-Brachmann) daherkommt und dann herausgeputzt und tot von der Bühne getragen wird. Man hat fast den Eindruck, dass Kusej mit dem letzten Akt angefangen und dann irgendwann die Lust verloren hat. Aber wie gesagt - jede Menge Sand. Olé! (DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2004)

Von
Joachim Lange aus Berlin
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