Handelsbaisse zwischen Wien und Ankara befürchtet

8. Februar 2005, 13:32
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In der Türkei sind Österreich und "Bad Guy" Schüssel jetzt schlecht angeschrieben - Die Außenhandelsstelle spricht sogar von gefährdeten Wirtschaftsbeziehungen

Wien - "Der Türke an sich ist als Mensch ein empfindsames Wesen und kann sich relativ leicht beleidigt fühlen." Im "schlimmsten Fall" könne Österreichs bremsende Haltung gegen einen EU-Beitritt der Türkei "auch negative Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Beziehungen" haben, sagt Österreichs stellvertretender Handelsdelegierte in Ankara, Christian Maier.

"Negative Stimmung"

Das "laufende Geschäft" sieht Maier nicht gefährdet. Wohl aber könnte es wegen der "negativen Stimmung" bei Großprojekten, hinter denen der türkische Staat stehe, oder bei Ausschreibungsverfahren zu Nachteilen für heimische Unternehmen kommen.

Frankreich und Österreich wären in der türkischen Tagespresse "nicht gut weggekommen", so Maier. Für genauere Einschätzungen sei es aber noch zu früh. "Es könnte auch sein, dass alles glimpflich ausgeht."

Die angesprochenen Firmen wollen das politisch heikle Thema nicht kommentieren - so etwa die VA Tech, neben den Baukonzernen Strabag und Alpine Mayreder oder Siemens unter den größten heimischen Anbietern im Infrastrukturbereich in der Türkei. VA-Tech-Sprecherin Bettina Pepek sagte lediglich: "Wir sind seit 40 Jahren in der Türkei. Solche Langfristbeziehungen werden nicht einfach ad acta gelegt."

"Kein Anlass zur Sorge"

Ähnlich argumentieren Wirtschaftsminister Martin Bartenstein und Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl. Beide versichern, dass es "keinen Anlass zur Sorge" gebe. Bartenstein: "Österreich hat wie alle anderen EU-Staaten seine Vitalinteressen eingebracht. Ich habe keinen Anlass, vorauseilend besorgt zu sein. Die Türkei ist längst auf das Engste mit der EU verknüpft." Leitl sagte: "Die Wirtschaft funktioniert nach völlig anderen Gesetzen wie die Politik. Österreich hat nie so viel in die EU geliefert wie zu Zeiten der Sanktionen."

Bestätigt wird Leitl von Hikmet Ersek, Senior Vice President beim internationalen Geldversender Western Union in Wien. Erseks "private Meinung" ist: "Wir wundern uns zwar über Österreich, weil wir es immer als ein Musterland für Fairness und Handschlagqualität kennen gelernt haben. Wirtschaftliche Probleme erwarte ich aber nicht, das ist eine rein innenpolitische Diskussion. Es wird sicher nicht zu einem Konsumverzicht bei Mozartkugeln oder Sachertorten kommen."

"Schüssel ist der Bad Guy"

Zur Haltung von Kanzler Wolfgang Schüssel in der Türkei-Frage sagt Kadri Gürsel, Auslandschef der türkischen Tageszeitung Milliyet: "Er ist der Bad Guy in der gesamten Berichterstattung." Es sei ein "reaktionärer Zugang", dass Schüssel unmittelbar nach der Entscheidung in Brüssel seinen Referendumsplan präsentiert habe. Dies stelle ein substanzielles Hindernis für die Beitrittsambitionen Ankaras dar und entspreche nicht dem Geist des Gipfels. Ob ökonomische Konsequenzen aus der schlechten Stimmung gegen Österreich folgen, will Gürsel nicht abschätzen. "Dafür ist es jetzt noch zu früh." (Michael Bachner, Christoph Prantner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.12.2004)

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    Frankreich und Österreich kamen nach dem EU-Gipfel in der türkischen Tagespresse nicht gut weg.

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