Aus Respekt vor der schönen alten Welt

27. Dezember 2004, 20:02
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Der Pianist und Neo-Leipziger Richie Beirach gastierte jüngst im Porgy & Bess in Wien

Der nunmehrige Professor erzählt über Anerkennungsprobleme in den USA - und die Segnungen der europäischen Avantgarde.


Wien - "Mein Deutsch wird jeden Tag ein bisschen besser", sagt Richie Beirach schmunzelnd, nicht ohne "deutsch" in Richtung "dytsh" zu verrücken. Dass er, der abgebrühte Pianisten-Haudegen aus Brooklyn, sich mit seinen 57 Jahren in der Rolle eines Sprachschülers wiederfinden würde, das kam auch für ihn unerwartet. Und rührt daher, dass er kürzlich eine Professur für Jazzklavier an der Felix-Mendelssohn-Hochschule in Leipzig angetreten hat.

Hier genießt Beirach staunend die Vorzüge einer festen Anstellung, von bezahltem Urlaub über fixe Krankenversicherung, während ihm genügend Zeit für Konzerte bleibt. "Ich erfahre erstmals richtigen Respekt gegenüber meiner Person und Musik", so Beirach im Interview, das dann doch auf Englisch abgehalten wird. "Es bedeutet hier etwas, Professor zu sein. Wenn du das in den USA sagst, hält man dich für einen exzentrischen Idioten, der nichts zum Beißen hat."

Respekt: Das ist das Königswort, das vielen US-Jazzern über die Lippen kommt, die, in der Heimat oft als niveauvollere Raumbeschallung angesehen, in Europa als Künstler geschätzt werden. Wobei Richie Beirach der Abschied aus New York auch aus anderen Gründen leicht fiel: "Gerade in den letzten Jahren ist die Szene sehr konservativ, republikanisch, rassistisch geworden. Als Weißer hat man kaum die Möglichkeit, Jobs zu finden, selbst wenn man einen Namen hat. Wynton Marsalis ist da ein Faktor. Was er tut, ist auch eine Reaktion darauf, dass in der Geschichte des Jazz immer die schwarzen Musiker innovativ waren, während Weiße - wie Benny Goodman - abkassierten. Das zu korrigieren, ist verständlich - aber es kommt 30 Jahre zu spät, und es trifft die falschen Leute."

So polemisch Richie Beirach mitunter argumentiert, er ist keiner, der damit das Nichteingeständnis der eigenen Mittelmäßigkeit kaschiert. Noch vor allen Zahlen (100 CDs als Leader) und Namen (Dave Liebman, Chet Baker und Stan Getz heißen einige seiner Arbeitgeber) ist dem der Umstand entgegen zu halten, dass er als derjenige gilt, der über die avancierte Harmonik der europäischen Moderne zwischen Skrjabin, Schönberg und Strawinsky seinen Zugang zum Jazz fand.

Bewusste Kühnheit

"Alle Journalisten schreiben über mich als ,Europäer', obwohl sie dabei meine rhythmische Seite übersehen. Aber in gewisser Weise stimmt das wohl", so Beirach über seine Reputation, die sich anlässlich eines dreitägigen Portraits im Wiener Porgy & Bess überprüfen ließ: Starke, filigran nuancierte Töne als Solist wie auch im Duo mit Wolfgang Muthspiel konnte man da vernehmen, bizarre harmonische Kühnheiten, abgemildert durch traditionelle Jazzphrasierung - aber auch Mainstreamiges im Quartett mit Gregor Hübner (Violine), Nenad Vasilic (Bass), Mario Gonzi (Drums) und der in tiefen Lagen ausdrucksstarken Sängerin Laurie Antonioli.

Nebst einem kulinarischen Querschnitt durch die Bartók-, Mompou- und Monteverdi-Programme, mit denen Beirach in den letzten Jahren hervor getreten ist. Warum das Thema "Musik über Musik" heute fröhliche Urständ' feiert? "Natürlich sagt das auch etwas über den Jazz aus, nach 100 Jahren Geschichte ist es schwierig geworden, etwas Neues, Eigenes zu machen. Aber schwierig war es immer, kreativ zu sein", so Beirach, der jungen Musikern, an denen er heute oft Originalität vermisst, einen Satz Wayne Shorters mit auf den Weg geben möchte: "Lass dich niemals durch den Namen eines Akkords davon abhalten, eine Note zu spielen, die du in dir fühlst und hörst!" (DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2004)

Von
Andreas Felber
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