Hitlers größtes Verbrechen

16. Februar 2005, 13:38
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Zu den Zielen, in deren Erreichung die irdische Existenz des Wieners ihren finalen Höhepunkt findet, gehörte und gehört wohl noch immer die schöne Leich

Zu den Zielen, in deren Erreichung die irdische Existenz des Wieners ihren finalen Höhepunkt findet, gehörte und gehört wohl noch immer die schöne Leich. Man sparte darauf, und die Mitgliedschaft im Sterbeverein hatte gegenüber der bei einer Partei den Vorteil, dass sie auch im Verlauf einer noch so steilen Karriere einen Wechsel nicht erforderlich machte.

Seit sich ein schrankenloser Kapitalismus auch auf diesem Geschäftsfeld breit macht, wächst die Qual der Wahl. Es gibt immer mehr Institute, denen man seine sterblichen Überreste anvertrauen kann. Der einst bescheidenen Auswahl zwischen Erde, Feuer oder Anatomie stehen heute vielfältige Verheißungen gegenüber, wie einer Anzeige der PAX BESTATTUNG GMBH" in der "Wiener Bezirkszeitung" 19/2004 entnommen werden kann.

Obwohl PAX, wie es sich für eine solche Firma in Wien gehört, die Zentrale an der Simmeringer Hauptstraße hat, werden als Erfüllungsort vornehmlich ausländische Gefilde im Westen oder Norden Österreichs angepriesen. So gibt es die Almwiesenbestattung - Die Asche wird auf einer wunderschönen Almwiese im Schweizer Bergland in einem Blumenmeer eingebracht. Ebenfalls nur in der Schweiz möglich ist die Baumbestattung, bei der die Asche an den Wurzeln einer Baumgruppe eingearbeitet wird. Die grundbuchamtliche Eintragung garantiert, dass die Bäume - reiche Auswahl - mindestens 50 Jahre lang nicht gefällt werden.

Das ist gar nichts gegen die zurzeit nur in Deutschland mögliche Friedwald - Baumbestattung. Bei der ist der Baum durch eine Eintragung ins jeweilige Grundbuch bis zu 99 Jahre gegen Abholzung geschützt. Der Kostenvorteil ist enorm: Die Grabpflege übernimmt beim Friedwald die Natur.

Ein besonders originelles Angebot ist die Luftbeerdigung, auch sie momentan leider nur in deutscher Luft möglich. Dabei wird nach erfolgter Kremation die Asche des Verstorbenen an einen Ballonkorb befestigt und auf Wunsch mit einem Blumenbukett geschmückt. Ist die geeignete Fahrthöhe erreicht und der Ballon befindet sich über einem geeigneten Gebiet, wird die Asche des Verstorbenen den vier (?) Elementen übergeben. Die genauen Koordinaten des Bestattungsortes werden mit einem Navigationsgerät ermittelt und in eine Urkunde übertragen, die den Angehörigen anschließend übergeben wird. Über der Nordsee hingegen wird die Flugbestattung empfohlen, eine Kombination aus Luft und Seebestattung.

Österreichischer Patriot darf man bei PAX nicht sein. Und ein Übermaß an Literaturkenntnis und Schamgefühl darf den Kunden auch nicht belasten, missbraucht doch die PAX GMBH zur Anpreisung ihrer Naturbestattungen als Motto eine Zeile aus dem Gedicht "Todesfuge" von Paul Celan: Wir schaufeln ein Grab in den Lüften, da liegt man nicht eng . . . Zur Zeit, als die freie Konkurrenz noch nicht auf das Bestattungswesen übergegriffen hatte, wäre den Bestattern vermutlich bewusst gewesen, dass es sich dabei nicht um idyllische Naturpoesie handelt.

Die Behandlung von Naziverbrechen nimmt öfter bizarre Formen an. So schrieb der Verkehrsexperte Professor Dr. Hermann Knoflacher in Kurt Falks "Ganze Woche" unter dem Titel Hitlers Wille, Hitlers Freude allen Ernstes: In der gesamten Geschichte der Menschheit und des Siedlungswesens hat es eine derart menschenverachtende Bestimmung nicht gegeben, wie sie Hitler am 17. Februar l939 eingeführt hat: die Reichsgaragenordnung.

Das verblüfft doch einigermaßen, denn Professor Knoflacher hat damit keineswegs eine Verharmlosung des Führers im Sinne, er will lediglich dessen Untaten aus der Sicht eines Gegners des Motorisierungswahns in den richtigen Proportionen dargestellt wissen. Die Präambel zur Reichsgaragenordnung, die auch heute die Grundlage aller Bauordnungen in Österreich und Deutschland ist, sofern es sich um das Verkehrssystem handelt, beginnt mit den Worten: "Die Förderung der Motorisierung ist das vom Führer und Reichskanzler gewiesene Ziel."

Nachdem Knoflacher so das größte Verbrechen in der gesamten Geschichte der Menschheit enthüllt und die fehlende Aufarbeitung der Reichsgaragenordnung in Österreich und Deutschland angeprangert hat, kommt er auf die Folgen zu sprechen. Lebensraum für das Auto war das Ziel dieser Garagenordnung, ohne Wenn und Aber, auf Kosten aller anderen Werte. Das leider nein, aber was soll 's. Die Faszination des Autos ist so groß, daß der Mensch diese diktatorische Maßnahme bis heute widerspruchslos akzeptiert und die kühnsten Träume Hitlers auf diese Art und Weise erfüllt.

Das menschenverachtende politische System wurde zum Glück nicht nur abgeschafft, sondern sogar gesetzlich verboten, seine technische Ausführung hingegen erfreut sich bis heute weltweiter Anwendung. Weltweit? Wie das, wo die Reichsgaragenordnung doch nur in Österreich und Deutschland gilt? Vermutlich, weil die Amerikaner sie gar nicht brauchen, um die kühnsten Träume Hitlers zu erfüllen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2004)

Von Günter Traxler
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