Chauvet: Wo Forscher kaum atmen dürfen

27. Dezember 2004, 11:32
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Vor zehn Jahren wurden in der französischen Höhle Chauvet die ältesten Malereien der Menschheit entdeckt - seitdem analysieren Forscher weitere Höhlenfunde

Paris - Mitten in den Kalksteinhügeln der Auvergne im Südosten Frankreichs liegt Chauvet. Kameras überwachen die Stahltür am Eingang der Höhle. Im Inneren befinden sich die ältesten Malereien, die je gefunden wurden. Sie sind so kostbar und vergänglich, dass selbst den wenigen Wissenschaftern, die seit der Entdeckung vor zehn Jahren hineindürfen, so gut wie alles verboten ist. Nichts darf berührt werden, weder die 447 Tierbilder noch die 83 Bärenschädel oder die 4000 Fuß- und Pfotenabdrücke. Wäre es möglich, wäre sicher auch das Atmen verboten.

Regelmäßig betraten Menschen Chauvet zuletzt in der Eiszeit. Dinos waren schon ausgestorben, aber die Menschen arbeiteten noch mit Feuersteinen, als vor etwa 24.000 Jahren ein Felssturz den bis dahin freien Eingang versperrte. So wurde Chauvet ein Paradies für Forscher: Hier stand die Zeit still. Jean-Marie Chauvet entdeckte die Höhle im Dezember 1994. Er wurde alsdann ihr Namensgeber.

Sein Fund erweckte internationales Aufsehen, die französische Regierung beauftragte ein Team von 30 Forschern aus verschiedenen Disziplinen, die Höhle zu erkunden. Selbst diese dürfen nur zweimal im Jahr für zwei Wochen hinein. Obwohl die Arbeit in der kalten, sauerstoffarmen Höhle anstrengend und aufwändig ist, schwärmt die 39-jährige Kunsthistorikerin Valéri Feruglio: "Wir haben schon Bilder von Chauvet gesehen, aber die Realität ist viel, viel beeindruckender."

Vierzehn verschiedene Tierarten sind abgebildet, Bilder von Menschen gibt es nicht. Die Zeichnungen von Löwen, Mammuts, Pferden, Pantern, Rhinozerossen, Eulen und Bären sind mehr als nur symbolische Abbildungen. "Diese Tierbilder sind lebendig - jedes hat ein Eigenleben, es gibt Bewegung, sie erzählen eine Geschichte", erzählt Feruglio. Die Malereien, in Komposition, Perspektive, Schattierungen sowie anatomischen Kenntnissen einzigartig, waren in zwei Abschnitten zwischen 32.000 und 23.000 v.Chr. entstanden. Feruglio fand heraus, dass die Künstler die Wände mit der Hand reinigten, bevor sie sie bemalten. Sie waren also nicht nur an der einfachen Abbildung interessiert, sondern auch an Qualität.

Besonders verwundert hat die Forscher der "Bärenaltar": In der Mitte der so genannten Bärenkaverne, in einer niedrigen Nische voller Stalaktiten, thront ein Bärenschädel auf einem herabgefallenen Stein. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts vermutete man, dass es in der Vorgeschichte dortiger Menschheitskultur einen Bärenkult gab, danach gab man diesen Gedanken auf. Jetzt müsse man darüber wieder ernsthaft nachdenken, erklärt Archäologe Philippe Fosse.

Michel Garcia, der die Fuß-und Pfotenabdrücke studiert, machte den bisher sensationellsten Fund: Er glaubt die Spuren eines prähistorischen Hundes gefunden zu haben. Die ältesten bisher bekannten Hundespuren stammen aus Deutschland und sind etwa 14.000 Jahre alt. Die in Chauvet - wenn es welche sein sollten - sind etwa 28.000 Jahre alt. Garcia fand auch 80 Fußstapfen, die von einem zehnjährigen Buben sein könnten. Die Spuren des Hundes und des Kindes scheinen sich zu überkreuzen. Bisher konnte Garcia nur Pfotenspuren über den Fußabdrücken des Buben finden. Sollte er aber auch Spuren des Buben oberhalb jener des Hundes entdecken - und die sucht er fiebrig -, könnte man daraus schließen, dass der Hund und der Bub gemeinsam in der Höhle waren. Dies würde bedeuten, dass der Mensch den Hund wesentlich früher domestiziert hat als bisher angenommen. (Dietlind Lerner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 12. 2004)

D. Lerner lebt als freie Journalistin in Paris, arbeitet u. a. für Unesco und "Los Angeles Times".

Übersetzung: Nadja Hahn.
  • Seltene Aufnahme eines einzigartigen Fundes in der französischen Höhle Chauvet: Die vor gut 25.000 Jahren entstandenen und damit ältesten Malereien der Menschheit.
    foto: lerner

    Seltene Aufnahme eines einzigartigen Fundes in der französischen Höhle Chauvet: Die vor gut 25.000 Jahren entstandenen und damit ältesten Malereien der Menschheit.

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