Israelischer Irak-Experte sieht keine Alternative zu den Wahlen

22. Dezember 2004, 06:22
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Amatzia Baram: Eine Katastrophe verhindern

Haifa/Wien - Der katastrophalen Sicherheitslage zum Trotz sollen die Wahlen im Irak abgehalten werden, meint Amatzia Baram, Professor für Mittelostgeschichte an der Universität Haifa, zum Standard und begründet das so: Erstens werde sich die Situation in den nächsten Monaten nicht wesentlich bessern, das könne noch zwei bis drei Jahre dauern. So lange könne man aber nicht mit Wahlen warten, Interimspremier Iyad Allawi würde sonst wie ein von­ den Amerikanern eingesetzter Diktator aussehen. Zweitens werde eine gewählte Regierung in den Augen von immerhin fast 75 Prozent der Iraker (55 Prozent Schiiten, 20 Prozent Kurden) legitimiert sein: "Das ist nicht gut, aber auch nicht ganz schlecht." Baram, der als Irak-Experte bei der US-Regierung hoch im Kurs steht­ und selbst für die Irakinvasion war, schlägt eine Staffelung der Wahlen über mindestens zehn Tage, zwei Wochen vor, um die Orte, an denen gewählt wird, jeweils durch massive Militärpräsenz zu schützen. Auch in Mossul, als einziger sunnitischer Stadt, kann er sich vorstellen, dass 25.000 bis 30.000 Mann eine Wahl möglich machen müssten, in den übrigen Sunnitengebieten, aber vielleicht sogar in Teilen Bagdads (etwa der Haifa-Straße) könne nicht gewählt werden. Im neuen irakischen Parlament, so Baram, sollte deshalb ein angemessener Teil der Sitze für sunnitische Vertreter leer gehalten werden, um den Sunniten zu signalisieren, dass man sie nicht aus dem politischen Prozess ausschließt. Die USA hätten "komplett die Kontrolle über die Sicherheit verloren. Um sie wiederzugewinnen, bräuchten sie nicht ein, sondern zwanzig Falluja." Als Priorität sieht Baram die beschleunigte Aufstellung einer irakischen Armee, bis Ende 2007 sollten mindestens 300.000 Iraker ausgebildet sein. Europa sollte dabei verstärkt helfen, im eigenen Interesse - denn von einer weiteren Destabilisierung im Irak wäre die EU schwerstens betroffen, allein durch das Flüchtlingsproblem. Wenn die Sache schief geht, sieht Baram "totales Desaster": "Der Irak wird nicht in saubere Teile zerfallen. In Bagdad wird es einen Bürgerkrieg geben, jeder gegen jeden. In den Sunnitengebieten werden wir ein ,kleines Afghanistan' haben, und in den Schiitengebieten werden sich Warlords herausbilden, die wie tollwütige Hunde über kleine Fetzen Land streiten, auf denen es Öl gibt." Im Irak, so Baram, gehe es im Moment nicht mehr um Erfolg oder nicht, sondern darum, eine Katastrophe zu verhindern. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2004)
Von Gudrun Harrer
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