Wo ist die Achse des Bösen in Hollywood?

20. Dezember 2004, 19:55
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Wer hat 15 Jahre nach Ende des Kalten Krieges das Feindbild UdSSR im Hollywoodkino ersetzt? - Studie zum Genrekino Kriegsfilm

Afghanische Warlords als nächste "James Bond"-Bösewichte? Grüner Halbmond statt "Red Hawk Dawn" - wer hat 15 Jahre nach Ende des Kalten Krieges das Feindbild UdSSR im Hollywoodkino ersetzt? Harald Scherz beschäftigt sich in seiner Diplomarbeit in einer quantitativen wie qualitativen Studie mit dem Genrekino Kriegsfilm.

Ein Genre mit Bart - Hollywood und der Kriegsfilm

Wenn gleich der erste Kriegsfilm - veröffentlicht 1898 - innerhalb der "Cine-Historie" einen relativen Frühschlüpfer darstellt, so kam der eigentliche Höhepunkt des Genres in Form eines Propagandafilms während des Zweiten Weltkriegs über das Hollywoodpublikum. Nach bereits fulminanten Einspielergebnissen im Jahr 1942 von 1,7 Milliarden Dollar fuhr das Genre aber mit Ende des Krieges in eine Baisse. Bis heute ist der Output an Kriegsfilmen nie über 30 pro Jahr gestiegen und trägt damit einen eher bescheidenen Warenausschuss innerhalb der Traumfabrik bei. Insgesamt wurden zwischen 1946 und 2002 644 Kriegsfilme produziert.

70er: Friedensbewegung erschlägt Kriegsfilm

Belohnte im Ersten Weltkrieg das amerikanische Publikum die Filmmaschinerie noch mit prallen Kassen für Kriegsfilme, so änderte sich das mit Vietnam schlagartig: Das Trauma des 9-jährigen Kriegs schreckte Kunden wie Produzenten gleichermaßen ab. Trotz Kriegsende 1971 blieb bis 1984 der durchschnittliche Ausschuss an genretreue Kriegsfilmen mit fünf Stück pro Jahr sehr gering. Peter Davies kritische Doku "From Hearts and Minds" mit Oskar-Prämierung bildeten die Ausnahme. Umso facettenreicher gestaltete sich die späte Aufarbeitung des Vietnamtraumas: "Deer Hunter" (1978) und Coppolas Autorenfilm "Apocalypse Now" markierten dabei nur den Anfang, Oliver Stones dreimalige Bewältigungsanläufe in den späten 80er Jahren den Höhepunkt.

Die 80er Jahre - Reagans Heldenepen

Mit Reagans Inauguration 1981 zum 41. Präsidenten der USA erfuhr nicht nur der Militäretat eine Verdreifachung, die neue Selbstwahrnehmung der Staatsspitze sollte sich auch im Erstarken des Actiongenres reflektieren. "Rambo" - nur eine der vielen Testosteronfleischwerdungen der 80er Jahre - kämpft in Vietnam repräsentativ wie faktisch anstelle einer gesamten US-Army (Teil I + II). Demgegenüber ficht der Partisane im Stellvertreterkrieg Afghanistans zu Ende des Kalten Krieges gegen Rambo, das Antonym zur "Roten Gefahr".

In "Red Dawn" (John Milius, 1985) bilden diese Ängste einen Nukleus: Hier ist es wieder Russland, welches das Mutterland USA von Kanada und Nicaragua aus im Bodenkrieg angreift. 80er-Jahre-Kriegsfilme, so sie sich nicht kritisch der Vergangenheit stellen, lassen sich primär als Last Superactionhero-Filme kategorisieren, in denen - wie Tom Cruise in "Top Gun"- das Individuum ferngesteuerte Armeen bekämpft: einer gegen alle.

Kriegsfilm als Vergangenheitsbewältigung

Ebenfalls mit den 80er Jahren beginnt aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit der USA als Kriegsmacht. "Full Metal Jacket", "Platoon", "Paths of Glory", "Born on the Fourth of July" - alle diese Filme holen nach, was in den 70er Jahren durch die generelle Baisse des Genres verabsäumt wurde: Die Grausamkeiten des Krieges (hier meist Vietnam), die der US-Bevölkerung spätestens durch die mediale Berichterstattung Seymour Hershs über das Massaker von My Lai bekannt waren, wurden nun filmisch verarbeitet und damit "bewältigt". Diese Bewältigungsstrategie im Genre dauerte bis in die 90er Jahre an, nach Ende des Kalten Krieges schrumpfte der Anteil der Vietnam-Filme aber von 61 auf 18 Prozent.

90er Jahre im Zeichen des Geschichtskriegsfilms

Bis in die 90er Jahre dauerte diese Entwicklung an. Generell ist den Kriegsfilmen der 90er - mit einigen Ausnahmen im Stile von "Schindlers Liste" (1993) oder Malicks "Thin Red Line" (1998) jedoch eine historisierend-glorifizierende Ader zu eigen. "Braveheart" (1995), aber auch "Saving Private Ryan" (1998) zeigen den Krieg als Bühne für militärisch-kameradschaftliche Treueproben, martialische Loyalität und individuelles Heroentum.

Im Jahr 2000 illustriert "The Patriot" - ein Unabhängigkeitskriegsfilm - diese Entwicklung. Noch zwanzig Prozent aller US-amerikanischen Kriegsfilme der 90er Jahre spielen nichtsdestotrotz in der Jetztzeit und widmen sich aktuellen Kriegsschauplätzen wie etwa die golfkriegskritischen Filme "Three Kings" oder "Courage Under Fire".

Das Pentagon und der Hollywoodfilm

Als Paradebeispiel für mit Pentagongeldern gestützten Hollywoodfilm gilt "Top Gun", einer der kommerziell eintragreichsten (344,7 Millionen US-Dollar) Kitschkriegs-Epen der 80er Jahre - ganz in der Facon seiner "Contemporains". In punkto Symbolik (7 Minuten 11 Sekunden lange Porträtierungen der US-Flagge) kann er als Lehrbeispiel für durchschaubar propagandistischen regierungsgestützten Kriegsfilm gelten.

Ein eigener Beamter des Pentagons, Philip Strub, arbeitet als "Special Assistant for Entertainment Media at the US Department of Defense", stellt Gelder und vor allem militärisches Gerät für glamouröse Militärporträtierungen zur Verfügung und wacht über Nichteinhaltung dieser Codizes. Filme wie "Jagd auf Roter Oktober", "A Few Good Man", "Apollo 13", "Air Force One", "Tomorrow Never Dies" oder "Pearl Harbor" wurden unter massiver Mitwirkung der Militärs finanziert.

Die Arbeit im Volltext (Anmeldung erforderlich).

Haben Sich Feindbilder im US-Kriegsfilm seit 9/11 drastisch geändert? Welche Bedeutung wird dem Anschlag selbst in Filmen wie "Collateral Damage" (feat. Arnold Schwarzenegger) zuteil? Welche Struktur­veränderungen werden erfolgen oder sind bereits erfolgt? Diesen und ähnlichen Fragen geht Harald Scherz in seiner Diplomarbeit aus Politik­wissenschaft an der Universität Wien anhand eingehender quantitativer und qualitativer Analyen nach - nachzulesen bei Mnemopol.

Rezension von Oliver Gingrich
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    "Rambo" - nur eine der vielen Testosteron­fleischwerdungen der 80er Jahre

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