Pandora hält digitale Ordnung

30. Dezember 2004, 10:23
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Datenbanken im Internet gibt es wie Sand am Meer - vor allem im Kulturbereich - Ziel ist die Bewahrung des kulturellen Erbes.

Als Pandora den Krug öffnete, den ihr die Götter gegeben hatten, ergossen sich alle darin eingeschlossenen Plagen - und beendeten damit das glückliche Dasein der Menschheit. Dementsprechend bedeutet der Name Pandora auch "Die Allesgebende". Nicht alles, aber recht viel und vor allem keine Plagen gibt das Webarchiv Pandora her (der Name steht hier für "Preserving and Accessing Networked Documentary Resources of Australia") - eine Datenbank, für die sich einige australische Bibliotheken zusammengeschlossen haben, allen voran die National Library of Australia.

Sammlung

Diese hatte bereits 1996 begonnen, Onlineartikel zu sammeln, zwei Jahre später begannen sich weitere öffentliche Bibliotheken für das Projekt zu interessieren und kamen dazu - sodass sich mit der zunehmenden Ausweitung des Archivs neue technische Anforderungen ergaben und ein eigenes, auf Java basierendes digitales Archivierungssystem ("Pandas") unter Verwendung des Websitekopierers HTTrack entwickelt wurde. Vor allem sollen in Pandora Daten langfristig gesichert werden - und zwar nicht nur Content, sondern auch die entsprechende Programmiersprache.

Angebot

Die Inhalte der Datenbank umfassen einfache Pdf-Dateien ebenso wie ganze Websites inklusive Datenmaterial vom Video bis zur MP3. Derzeit können in Pandora knapp über 7400 Einträge aufgerufen werden, geordnet nach verschiedenen Bereichen wie etwa Gesellschaft und Kultur oder Geschichte und Geografie. Das Pendant zu Pandora ist die auf Museen und Galerien spezialisierte Digital Library Amol (Australian Museums & Galleries online), das bald Can (Collections Australia Network) heißen wird. Gegründet wurde Amol vom Cultural Ministers Council, einer Zusammenarbeit zwischen der nationalen und regionalen Regierungen und dem australischen Kultursektor. Die Seite richtet sich nicht nur an ein interessiertes Publikum, das in über einer halben Million Einträgen die Bestände australischer Museen durchforsten kann, sondern auch an Professionisten, die auf der Seite Informationen austauschen können. Wenn die Daten zu den jeweiligen Objekten auch je nach Museum denkbar unterschiedlich aussagekräftig sind - eher selten ergänzen Fotos die Beschreibungen, die manchmal auch ganz fehlen - so erleichtert die Datenbank Recherchearbeiten doch ungemein.

Sinnfrage

Neben der Sicherung von Informationen über das kulturelle Erbe Australiens dient die Datenbank laut Mission Statement auch dazu, ebendieses international zu bewerben - ob sich das tatsächlich in einer wirtschaftlichen Umwegrentabilität niederschlägt, wird wohl schwer zu erheben sein. Pioniere im virtuellen Vernetzen von Museen und anderen kulturellen Institutionen sitzen auch in Kanada: 1062 Mitglieder hat derzeit das Canadian Heritage Information Network (CHIN), vom Musée des Religions über das Bata Shoe Museum bis zur Vancouver Art Gallery. Die etwas unübersichtlich gestaltete CHIN-Homepage ist eng verbunden mit einer Online-datenbank, dem Virtual Museum of Canada, in dem Interessierte ein nationales Inventar von Museumsobjekten mit insgesamt vier Millionen Einträgen durchsuchen können - etwas mehr als ein Zehntel davon ist bebildert.

Großes EU-Projekt

Vorbereitungsarbeiten für eine derart umfassende Digital Library, die spartenübergreifend kulturelle Institutionen und Museen in ganz Europa erfasst, werden derzeit im Rahmen des Projektes BRICKS ("Building Resources for Integrated Cultural Knowledge Services") getroffen. Innerhalb des EU-Projektes arbeiten 23 Partner an der Entwicklung, darunter auch das Studio Digital Memory Engineering, eine Unterabteilung der Research Studios Austria, die zu den ARC Seibersdorf gehören.

Grundlagen

Im Rahmen von Bricks sollen, so die Projektbeschreibung, "die organisatorischen und technologischen Grundlagen für eine digitale Bibliothek auf der Ebene eines europäischen digitalen Gedächtnisses" ausgearbeitet werden. Für die Dauer von drei Jahren ist das Anfang diesen Jahres gestartete Projekt anberaumt, das die EU mit sieben Millionen Euro finanziert. Ziel des Projektes ist unter anderem, die "Nutzung von bestehenden Ressourcen und Know-how und daher auch nationalen Investitionen zu erhöhen", aber ebenso kleineren und unterfinanzierten Institutionen Technologien und Infrastrukturen zugänglich zu machen.

Auswirkungen

Außerdem soll die europäische Digital Library auf einer lokalen Ebene rückwirken und dort das kulturelle Erbe mehr verankern. Die rasant anwachsende Datenmenge im Internet wird so gewiss ein bisschen übersichtlicher. Pandoras Box, aus der sich alles über den unbedarften User ergießt - das war einmal. (Nina Schedlmayer / DER STANDARD Printausgabe, 20.12.2004)

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