Kommentar der anderen: Kirche und Abtreibung

20. Dezember 2004, 11:39
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Barbara Coudenhove-Kalergis Weihnachtswunsch an die katholische Kirche

Jetzt reiten sie wieder, die ultrakatholischen AbtreibungsgegnerInnen, diesmal gegen die Landeshauptfrau Gabi Burgstaller in Salzburg, die die Zulässigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen am Landeskrankenhaus durchgesetzt hat.

Mein Weihnachtswunsch an die katholische Kirche aus gegebenem Anlass: ab sofort zehn Jahre Schweigen zu allem, was mit Sexualität und Fortpflanzung zu tun hat. Bitte! Die Idee ist nicht von mir, sondern von einem bayrischen Pfarrer namens Florian Schuller, der diesen ausgezeichneten Vorschlag in einem Sammelband mit dem Titel "Maßnahmen gegen den schiefen Turm" niedergelegt hat. Es gibt wohl kaum eine Gruppe in der Gesellschaft, die weniger geeignet ist, sich zu diesen Themen zu äußern als der katholische Klerus. Der Zölibat ist eine zu respektierende Lebensform. Aber müssen sich ausgerechnet Zölibatäre wirklich ständig und geradezu reflexartig an Vorgängen in fremden Schlafzimmern festbeißen, von Homosexualität bis Empfängnisverhütung?

Und ist ausgerechnet Abtreibung der richtige Anlass, um KatholikInnen, die bekanntlich selten demonstrieren, auf die Straße zu treiben, samt Gottesdienst und Weihbischof? Das Abtreibungsverbot war schon immer eine Maßnahme, die sich ausschließlich gegen die Armen richtete. Wer Geld hatte, konnte sich zu allen Zeiten helfen. Im Fall Salzburg wurde dieses Prinzip von der bis vor kurzem dort regierenden ÖVP mit besonderem Zynismus vertreten: es gäbe schließlich Privatkliniken, hieß es, dort könnten die Frauen ja hingehen. Wer sich das nicht leisten konnte und auf öffentliche Krankenhäuser angewiesen war, hatte eben Pech. Die traf das Verbot mit voller Wucht.

Die Salzburger AktivistInnen bemühen für ihre Aktionen die weihnachtliche Geschichte von der Herbergsuche. Gabi Burgstaller, sagen sie, hätte damals die heilige Familie samt Jesuskind in die Abtreibungsklinik geschickt. Eine mehr als unpassende Metapher.

Passend wäre sie für eine andere Maßnahme der Politik, nämlich die Verschärfung des Asylgesetzes. Freilich, beim Kampf gegen diese gab es keine kirchlich unterstützte Demonstration. Da blieb die Caritas mit den anderen Hilfsorganisationen allein. Man muss fairerweise sagen, dass die Mehrzahl der österreichischen Bischöfe über die Aktivitäten von Weihbischof Laun und Co. unglücklich ist. Aber die Launs sind eben keine Einzelfälle. Da waren die vatikanischen Delegierten, die bei der letzten UN-Bevölkerungskonferenz gegen Geburtenkontrolle in Entwicklungsländern auftraten. Da waren die US-Bischöfe, die ihre Gläubigen aufriefen, John Kerry nicht zu wählen, weil dieser sich nicht für die Aufhebung der Fristenlösung eingesetzt hatte. Und da sind die spanischen Bischöfe, die jetzt gegen Ministerpräsident Zapatero mobil machen, weil dieser die Ehescheidung erleichtern und homosexuelle Partnerschaften zulassen will.

Kein Wunder, wenn viele Leute den Eindruck haben: das einzige, was kirchliche Würdenträger wirklich aufregt, sind Sachen, die mit Sex und Kinderkriegen zu tun haben. Die immer wieder aufbrechenden Sexskandale in den eigenen Reihen bilden den Kontrapunkt dazu. Pfarrer Schuller aus Bayern hat recht. Ein "zehnjähriges Schweigemoratorium über sexualethische Fragen", wie er sagt, würde zwar bei weitem nicht alle kirchlichen Probleme lösen, aber doch einige. Dann könnte man endlich auch über ein paar andere Dinge nachdenken, die sonst noch in der Bibel stehen. Allgemeine Erleichterung wäre die Folge. In diesem Sinne: fröhliche Weihnachten. (DER STANDARD, Print, 20.12.2004)

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