Das Leben schreiben

23. Dezember 2004, 19:36
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Er sei ein Lebenssucher und kein Büchermensch, sagt Paul Nizon von sich - der Schweizer Schriftsteller feierte am Sonntag seinen 75. Geburtstag

Paris - "Woraus ich gemacht bin: aus bernischem Stein und dem ländlich Schönen von damals. Aus russischer Seele. Aus der Hetäre Rom und der Pariser Kurtisane. Aus der Überheblichkeit des eingeborenen und doch nie erreichbaren Schöpfertums. Künstlerleben. Ein Gemisch aus verlorenem Sohn, demobilisiertem Soldaten, Partisan und Herumtreiber. Stolz und Demut. Weitergehen. Durchhalten." So beschrieb sich Paul Nizon 1999 an einem ihm gewidmeten Abend zu seinem 70. Geburtstag im Schweizer Kulturinstitut in Paris, wo er seit 30 Jahren als "Deutsch schreibender Pariser Autor mit Schweizer Pass" lebt.

Im Kern enthält dieses Statement alles, was Nizons Poetik und Prosa ausmacht. Seine Bücher handeln vom Kampf des Schriftstellers um den Roman, von totalem Einsatz, vollständiger Einsamkeit, vom Überdauern und Resistieren. Sie handeln von Körperlichkeit, Erotik, Passionen, sie jagen dem Atem des Lebens und dem Glück nach.

Das Erzählen linearer Geschichten hat Nizon abgelehnt, von Anfang an. Es geht ihm nicht darum, das Leben zu erzählen, er will es sagen. Obwohl er oft von Selbsterlebtem ausgeht, sind seine Figuren "Fiktionen des Ich", es geht um die Existenz an sich.

1929 in Bern als Sohn eines russischen Emigranten und einer Bernerin geboren, blieb Nizon seiner Vaterstadt zunächst treu, er studierte Kunstgeschichte, noch vor dem Studienabschluss 1957 hatte er eine Familie mit zwei Kindern gegründet, ein drittes sollte bald folgen. Nebenbei publizierte er einige Erzählungen, die für Aufsehen sorgten.

1961, Nizon war gerade zum leitenden Kunstkritiker der NZZ aufgestiegen, fuhr Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld an einem regnerischen Novembertag nach Zürich. Nicht, um sich die Andorra-Premiere seines Hausautors Max Frisch anzusehen, sondern um den Vertrag mit dem "jungen Genie" Nizon zu fixieren. Erwartet wurde ein großer Wurf, allerdings geriet Nizons zweites Buch Canto, ein Vater-und Rom-Buch, zu einem katastrophalen Misserfolg.

Seine radikale Subjektivität und die offene Form des Canto, die mit nichts damals Bekanntem vergleichbar war, die Aufgabe jeglicher erzählerischer Linearität, der großspurige, ja überhebliche Gestus kamen nicht gut an. Sätze wie "mein Platz unter der Sonne ist im Nachtlokal" auch nicht.

Trotzdem entschloss sich Nizon, alles ins Schreiben zu investieren, und gab den Brotjob auf. Daran zerbrach auch die Ehe. Acht Jahre sollte es dauern, bis sein nächstes Buch erschien. Die Erzählung Untertauchen (1972) und der Roman Stolz (1975) bedeuteten den Durchbruch, obwohl Nizon im Gegensatz zu Frankreich im deutschen Sprachraum unterschätzt blieb.

"Ich kann es nicht sagen, mein Vater, vielleicht kann ich's reisen", ruft die Hauptfigur des Canto dem früh verstorbenen Erzeuger nach, und "Reisen als Rezept" heißt es in Untertauchen. Nizon ist sich selbst und dem Unterwegssein treu geblieben. Er lebte in Rom und London und zog schließlich nach Paris, wo er die großen Romane Das Jahr der Liebe (1981), Im Bauch des Wals (1989) und Hund (1998) schrieb.

"Der Verzauberer, der zurzeit größte Magier der deutschen Sprache", schrieb Le Monde auf der Titelseite ihrer Literaturbeilage. Nizon ist ein Sinnenmensch, ein Lebenssucher, ausgesetzt dem Sirren der Stadt, der Verzweiflung, dem Glück und dem Knistern des Herbstlaubs. "Ich bin nicht hier und dort und anderswo. Ich bin nur hier." Präsenz nennt man das auch, oder Zeitgenossenschaft. Am Sonntag feierte Paul Nizon in Paris seinen 75. Geburtstag. Ein Canto auf ihn, ein Canto. (Stefan Gmünder/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 12. 2004)

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