Wenn Sir Karl Popper auf die W@lz geht

20. Dezember 2004, 14:12
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Zwei Wiener Kommunal­politiker wollten eine ganz andere Schule erfinden - Erstaunliche Parallelen zwischen den beiden Modellen

Zwei Wiener Kommunalpolitiker wollten eine ganz andere Schule erfinden. Der eine, Bernhard Görg, initiierte einen Lernort für Hochbegabte, der andere, Christoph Chorherr, das Wiener Lernzentrum. Was wie zwei fremde Schulwelten klingt, hat erstaunliche Parallelen.

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"Die W@lz kenne ich leider nicht wirklich gut", bedauert Günter Schmid. "Dennoch bin ich überzeugt, dass uns mehr verbindet denn trennt." Schmid ist Direktor der Sir-Karl-Popper-Schule für Hochbegabte in Wien-Wieden. Und auch Angelika Hagen, die die regelmäßige Evaluierung der Popper-Schule macht, wundert sich, "warum diese zwei Modelle in der Öffentlichkeit immer in zwei Ecken gestellt werden".

Beide Schulen stehen außerhalb der österreichischen Unterrichts-"Norm". Hinter beiden stehen Wiener Kommunalpolitiker: Die Popper-Schule wurde vor sechs Jahren vom damaligen VP-Chef und Vizebürgermeister Bernhard Görg ins Leben gerufen. Das Wiener Lernzentrum W@lz wird vom Grünen Christoph Chorherr unterstützt. Er hat mit Heidi Schrodt, Direktorin des Gymnasiums Rahlgasse, und Erziehungswissenschafter Bernhard Rathmayr ein "Bildungsmanifest" verfasst.

Chorherrs Credo: "Oberstes Ziel von Schule ist, Wissbegierde, Begeisterungsfähigkeit und Lebensmut der jungen Menschen zu erhalten und zu bestärken. Bildung ist ein autonomer Prozess der Entfaltung und Erweiterung der persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten." Lernen sei "nicht Aneignung und Wiedergabe feststehenden Wissens, sondern Suche nach dem Wissbaren und Wissenswerten, Vermehrung der möglichen Wahrheiten und machbaren Lösungen".

Leitsätze, die dem "Menschenbild" der Popper-Schule verblüffend gleichen: "Absolventen der Sir-Karl-Popper-Schule sind bereit für lebenslanges Lernen. Sie wissen, dass wir nur Bilder über die Welt haben und dass diese Bilder nicht gleichzeitig die Welt sind, aber sie bleiben neugierig und bestrebt, immer mehr solcher Bilder kennen zu lernen und zu überprüfen. Sie gestalten diesen Lernprozess, sie steuern aktiv, was sie in welcher Weise lernen wollen."

Direktor Schmids Worte würden auch die W@lz treffend beschreiben: Es gehe um die "Aufbrechung starrer Normierungen wie Fächer-oder Stundengrenzen. Bei Schule kann es niemals planwirtschaftlich um die Erfüllung aneinander gereihter ,Fünf-Stunden-Pläne' gehen, sondern immer nur darum, dem jeweiligen Lernerindividuum in höchstmöglichem Maße gerecht zu werden."

In der von der ehemaligen Steiner-Lehrerin Renate Chorherr geleiteten W@lz wird das konsequent praktiziert. Wissen wird fast nur in Projektarbeit angeeignet - ob beim Erstellen von Internethomepages für private Auftraggeber oder bei einem Auslandsaufenthalt bei einem Forstprojekt in der Schweiz oder bei einem englischsprachigen Radiosender. Lehrer gibt es nicht mehr, sondern nur noch "Lernbegleiter".

Ein Unterschied ist, dass die Popper-Schule gezielt für Hochbegabte geschaffen wurde, die im Regelschulsystem oft mit immensen Schwierigkeiten konfrontiert sind. Nicht nur angesichts der Pisa-Ergebnisse wurden gemeinsam mit Angelika Hagen fünf Punkte herausgearbeitet, "von denen das Regelschulsystem lernen könnte", ist Initiator Görg überzeugt: Die Schulleitung sollte bei der Lehrerbestellung autonom sein. Weiterbildungsmöglichkeiten für Lehrer sollten "verpflichtend wahrgenommen" werden. Wie in der Popper-Schule sollte das Fach "Kommunikation und soziale Kompetenz" eingeführt werden. Die Schüler sollten regelmäßig ein Feedback über die Lehrerleistungen abgeben. Vor allem aber sollten die Schulen regelmäßig von externen Beratern evaluiert werden.

Ein wichtiger Grundsatz für Lehrer der Popper-Schule laut Hagen: "Sie müssen die Haltung des Wissenden zugunsten des Lernenden aufgeben." Eine Schülerin beschreibt das so: "Wir haben Lehrer, die im Normalfall bereit sind, etwas zu tun, etwas zu ändern. Das sind auch die Anforderungen der Schule." Die Frage, ob das Mädchen bei Popper oder auf der W@lz lernt, kann in diesem Fall durchaus offen bleiben. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2004)

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