Die Geburtszangenkneifer

19. Dezember 2004, 19:18
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Nicolas Stemanns Burgtheater-Inszenierung von Gerhart Hauptmanns naturalistischem Erstling "Vor Sonnenaufgang"

Wien - Das hätte sich der ehrwürdige deutsche Schulbuchnaturalist Gerhart Hauptmann (1862-1946) zum Ausklang seines dichterfürstlichen Lebens auch nicht träumen lassen, dass seine frühesten Bühnengeschöpfe noch einmal derart spaßig unbedarft zusammenkommen würden.

Sozialreformer Alfred Loth (Philipp Hauß) klemmt sich im Gehrock eines wilhelminischen Reichstagsabgeordneten, sehr gegenwärtig gekämmt, hinter ein altertümliches Stehpult und hält ohne Umschweife wohltönend eine Rede, die von seinen unbedingten Ansprüchen an das verpfuschte Leben der werktätigen Massen handelt.

In Wahrheit aber - und darin liegt eine der Pointen von Vor Sonnenaufgang (1889) - meint das Bürschchen, das als ungebetener Gast die Tochter eines trunksüchtigen Großbauern in Schlesien freien möchte, seine eigene Unbedarftheit, die ihn an der Eheschließung hindern wird, die er aber hinter moralphilosophischen Ausflüchten versteckt, sein eigenes, papiergewordenes Elend: sich selbst.

Mit diesem Herrn Loth hatte der nach Fleisch und Trinkerblut begierig schnappende Jungdramatiker Hauptmann dem tintenklecksenden 19. Säkulum auch schon das Untergangszeugnis ausgestellt. Loth, eine Art gehrocktragender Wallraff der Nietzsche-lesenden Stände, würde gerne eine Studie über das Bergarbeiterelend verfassen.

Korruptionsversuch

Nur wird er schon zu Anfang abgefangen: Im Wiener Burgtheater, wo sich Regisseur Nicolas Stemann neunmalklug über ein merkwürdig ausgesungenes Stück hermacht, vom verschmitzten Schulfreund Hoffmann (Philipp Hochmair), der dem Klugschwätzer mit einer Batterie von Weinbränden zu Leibe rückt, um ihn mit Wohlstand aus der Teleshopping-Mall nachhaltig zu korrumpieren. Die Schlesier tragen das Kreuz der Modernisierung. Ihre Gruben werden ausgebeutet ("verschlissen", wie man damals schrieb). Die Oligarchie der Großbauern profitiert von der Veräußerung ihrer Bodenrechte, wird über ihren Wohlstand aber unglücklich.

Die Alkoholikersippe der Krauses segelt über das weite Rund der Burgbühne (Ausstattung: Katrin Nottrodt) wie ein Schlag von aufgescheuchten Luxusvögeln. Mutter Krause (Myriam Schröder) im Leopardenkostüm spricht das Schlesische Idiom wie einen Dritte-Welt-Dialekt, dürfte aber einen Callgirl-Ring mit Stammsitz in Weißrussland unterhalten. Eine allerliebste Asiatin (Sachiko Hara) arbeitet als dolmetschende Liebes-dienstleisterin. So viel Globalisierung, so steht's im Handbuch der postdramatischen Inszenierungsmogelei, muss ganz einfach sein. Denn Arbeiten wie Stemanns betriebsjugendlicher Hauptmann-Essay interessieren sich für alles Mögliche: nur nicht für dasjenige Stück, für das sie doch ein unbändiges Interesse heucheln.

Beim Scannen ihrer Kreativdatenbänke stoßen sie auf ein weißes Grundrauschen. Sie sind unbedingt klüger als der ihnen anvertraute Text, und sie assoziieren, wenn sie "Bergleute" hören, das palästinensische Elend im Gaza-streifen, weil sich das Weltgeschehen tendenziell nach innen verlagert - und weil, wenn man auf Ideologen wie Herrn Loth stößt, man zuerst an den Fundamentalismus denkt, sodann an Gebetsteppiche (Mekka und so), im weiteren an den Multikulturalismus und die Asylwerbung.

Daher hängt auf ungeahnte, ungewohnte Weise auch alles mit allem zusammen. Der Name "Loth" ruft zunächst die Bibelerzählung von dem einen Gerechten wach, dessen Frau, sich umblickend, zur Salzsäule erstarrt. Zugleich sind die Schauspieler aufgerufen, sich wie in einem drittklassigen Brecht-Lehrgang von ihren Figuren andauernd abzustoßen.

Zieht man von dieser öden Stellerei einmal den Einfall ab, dass die Bergleute Nomaden der allgegenwärtigen Weltkultur sind, so bleibt ein erschreckend unbedarftes Dialogisieren, das sich den alten Hauptmann etwa auf Armeslänge vom Wohlstandsleib hält. Der vergnügungssüchtige Trinker Hoffmann (Hochmair) nennt dergleichen Hinweggehen über das Notwendige in einem launigen Extempore "Geburtszangennaturalismus".

Das Kindlein einer Trinkerin (Johanna Eiworth) wird auf dem Gynäkologiestuhl als totes Püppchen geboren. Die sitzen gelassene Braut (Caroline Peters) erstarrt an der Rampe. Auch 250 Jahre Aufklärung erzwingen finstere Ergebnisse. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 12. 2004)

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    Shoppen und Ficken in Oberschlesien: Wenn es den Bergbau-Oligarchen zu wohl wird (Johanna Eiworth und Philipp Hochmair), gehen sie auf die Couch nachspülen.

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