Gazprom: Ein Staat im Staat

23. Dezember 2004, 06:20
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Rätselraten um die Rolle des weltweit größten Gaskonzerns nach der Yukos-Versteigerung

Moskau - Noch bis Beginn der sonntäglichen Versteigerung der Yukos-Ölproduktion galt es als ausgemachte Sache, dass Gazprom über seine Gazpromneft die Ölförderung übernehmen würde. Die drei anderen Mitbieter - darunter die Baikalfinansgroup, die den Zuschlag erhielt - waren völlig unbekannt; mindestens zwei davon galten als von Gazprom vorgeschobene Bieter.

Es heißt, dass der Kreml beim Gazprom Regie führt und die Teilnahme an der jetzigen Auktion befehligt hat. Gazprom soll ein staatlich kontrollierter Energiemulti und die Ölproduktion ausgebaut werden.

2001 übernahm Putins einstiger Arbeitskollege aus Petersburg Alexej Miller die Leitung des Konzerns, in dem längst die Petersburger Aufsteiger der letzten Jahre das Sagen haben - den Aufsichtsrat führt Putins Präsidialamtsleiter Dmitri Medwedjew.

Fusion

Der Startschuss zum Energiemulti fiel im September, als man die Fusion des Gasmonopolisten mit der staatlichen Ölgesellschaft "Rosneft" anleierte. Mit dem Merger will der Staat seine 38,37 % an Gasprom auf über 50 % erhöhen. Gazprom ist der größte Gaskonzern weltweit, verfügt über 20 bis 25 Prozent der weltweiten Gasreserven und deckt ein Fünftel der weltweiten Gasproduktion.

Mit Yuganskneftegas und Rosneft hätte er auch über knapp ein Viertel der russischen Ölreserven und 20 % der Ölproduktion verfügt. Weitere Akquisitionen sind nicht ausgeschlossen, die Deutsche Bank hatte gerade zum Aufkauf einiger Ölunternehmen geraten.

Intransparent ...

Auch ohne Yukos: Der Koloss wächst. Und damit nicht nur die Abhängigkeit Europas, sondern auch das Kopfschütteln der wirtschaftsliberalen Elite, die vor der politischen Macht Gazproms und der intransparenten Monopolwirtschaft warnt. Während im russischen Ölbereich die Privatisierung zum Wettbewerb der Konzerne geführt hat, steht dies in der Gasbranche aus.

Mit seinen knapp 300.000 Mitarbeitern fördert Gazprom 90 Prozent des russischen Erdgases, hat die Hand auf dem gesamten Pipelinenetz und besitzt das Monopol für den Export auf die weitaus lukrativeren Weltmärkte - in Europa wird Gas fünf Mal teurer verkauft als auf dem russischen Inlandsmarkt, wo Gazprom allerdings 70 Prozent seiner Produktion absetzt. Wegen des Monopols sind Ölgesellschaften gezwungen, ihren riesigen Anteil an Gas abzufackeln.

Die Intransparenz und Reformträgheit bei Gazprom schwächt Russlands Wirtschaft, da große Einkünfte aus dem Gas in den Taschen des entsprechenden Firmengeflechts versickern, ohne sich in Investitionen umzusetzen. Westlichen Berichten zufolge sollen Gazprom-Mitarbeiter ungewöhnlich hohe Geldsummen in Europa anlegen.

Unter Experten wird diskutiert, ob die Reserven von Gazprom zurückgehen oder eben nicht in die Erschließung neuer Reserven investiert und statt dessen lieber Gas aus dem weltweit drittgrößten Gasland Turkmenistan zugekauft wird. Im Vorjahr hat Gazprom einen 25-Jahres-Deal mit Turkmenistan abgeschlossen, ähnliche Projekte mit Usbekistan und Kasachstan sind im Laufen.

... und ineffizient

Zahlen verdeutlichen den Reformbedarf: Während russische Ölfirmen ihre Produktion seit 1998 um 50 Prozent erhöhten, fiel sie bei Gazprom um 1,6 Prozent. Die seit 2001 um 70 Prozent gestiegenen Einnahmen werden durch noch schneller steigende Ausgaben (heuer doppelt so hoch als 2001) aufgefressen.

Nach OECD stieg der Beschäftigungsgrad im russischen Gassektor zwischen 1997 und 2003 um 80 Prozent, während die Produktivität um 40 Prozent fiel. Die Arbeitskosten verdoppelten sich, im privatisierten Ölsektor hingegen stiegen sie nur ein Viertel.

Kritiker zeigen auf, dass der hoch verschuldete Konzern in seinen finanziellen Möglichkeiten beschränkt ist. Wie das russische Institut für Energiepolitik analysierte, nähern sich die Lagerstätten der Erschöpfung; ein Programm für längerfristige Investitionen fehlt jedoch.

Geld erhoff man sich von der angekündigten Liberalisierung des Gazprom-Aktienmarktes, wodurch auch Ausländer mehr als die bisher limitierten 20 Prozent erhalten können. Größter ausländischer Aktionär ist mit 6,43 Prozent die deutsche Eon-Tochter Ruhrgas. Insgesamt halten Ausländer derzeit 11,5 Prozent an Gazprom, gerüchteweise in Umgehung der Regeln mehr.

Europas Abhängigkeit von Gazprom, das sich mit Dutzenden Joint Ventures in die europäischen Gasnetzwerke eingekauft hat, steigt durch die Eingliederung von Yuganskneftegas. Fast zwei Drittel von Österreichs Gas stammt aus Russland. (sed, DER STANDARD Printausgabe, 20.12.2004)

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