Ein Spiel mit der Öffentlichkeit

Redaktion, 11. Jänner 2005 18:35

Kanzler Schüssel hat eine Kollision der Themen herbeigeführt - nicht zufällig - von Michael Völker

Es stimmt, was Bundeskanzler Wolfgang Schüssel über das Innenministerium sagt: Es ist kein fröhliches Ressort. Es geht um Verbrechensbekämpfung, um die Schattenseiten der Gesellschaft, und da sind Erfolge, die man vermelden könnte, rar, und sie wurden in den vergangenen Jahren immer rarer. Die Exekutivbeamten machen keinen leichten Job, sie arbeiten unter erschwerten Bedingungen, verschärft auch durch den Sparzwang, der ihre Reihen lichtete und den Unmut über die politische Führung vergrößerte.

Es geht um das so genannte Asyl- und Fremdenwesen. Also um Schicksale, um menschliche Tragödien, um die Entscheidung, wer bleiben darf und wer nicht. Und es geht, in viel kleinerem Rahmen, um die Frage: Wie kann man denen Schutz geben, die ihn brauchen, und wie geht man mit jenen um, die ihn missbrauchen? Selten gelingt hier die Differenzierung, meist bleibt es bei pauschalen Kriminalisierungsvorwürfen oder naiver Blauäugigkeit.

In diesem Spannungsfeld hat es keiner der Vorgänger von Liese Prokop seit Franz Löschnak zu Popularität gebracht. Auch Ernst Strasser nicht, der als Liberaler begonnen hat und als Hardliner ausgestiegen ist.

Liese Prokop ist 63. Sie könnte in Pension gehen. Selbst nach den strengen Maßstäben der Reform zur so genannten Pensionsharmonisierung, die 2005 zu wirken beginnt, hat sie ihren Pensionsanspruch bereits erreicht. Jetzt wird sie Innenministerin. Das weckt Zweifel an Schüssels Personalauswahl. Die Grünen wissen nicht, was Prokop für dieses Amt qualifizieren sollte, und die SPÖ spricht vom "letzten Aufgebot".

Schüssels Entscheidung ist vielleicht leichter als Marketingmaßnahme denn als politisches Statement zu verstehen. Frau Prokop ist zugute zu halten, dass sie über jahrzehntelange Erfahrung als Landespolitikerin verfügt, wenn auch nicht in jenen Kernbereichen, denen sie sich jetzt im Innenministerium stellen muss. Wichtiger für Schüssels Personalentscheidung war, abgesehen vom "Frauenbonus", aber wohl das Image, das Prokop hat. In Niederösterreich gilt sie als so etwas wie eine "Landesmama". Auch wenn sie beinhart Entscheidungen treffen kann, strahlt sie etwas sehr Mütterliches, Sanftes, Fürsorgliches aus, verbunden mit einer gewissen Bodenständigkeit. Das könnte - aus Schüssels Sicht - der Schärfe, mit der Auseinandersetzungen rund um das Innenministerium geführt werden, die Kanten nehmen, gerade in dem oben beschriebenen Spannungsfeld. Wenn es Prokop richtig anstellt, und dafür sprechen ihre ersten Interviews, könnte sie in diesem Amt weit weniger polarisieren als ihre Vorgänger.

Ein zweiter Punkt spricht dafür, dass die Entscheidung vordringlich unter dem Blickwinkel der strategischen Öffentlichkeitsarbeit und des "Verkaufs" von Geschichten getroffen wurde: der Zeitpunkt. Laut Prokop war sie bereits vergangenen Mittwoch mit dem Kanzler handelseins.

Die Entscheidung gab Schüssel, eilig vom EU-Gipfel in Brüssel herbeigejettet, jedoch mit großer Inszenierung am Freitagabend bekannt. Zuvor waren bloß so Kleinigkeiten wie die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beschlossen worden, und der Kanzler suggerierte mit seiner Ankündigung einer Volksabstimmung, dass Österreich irgendwann vielleicht etwas mitzureden hätte.

Schüssel wollte oder konnte seine in Österreich öffentlich vertretene Linie der ganz harten Bedingungen und des jedenfalls offenen Ausgangs der Verhandlungen in Brüssel nicht durchsetzen, hätte allerdings noch deutlicher scheitern können. Da tut es nicht schlecht, wenn man zu Hause ein wenig ablenken kann, und egal, ob jetzt die Volksabstimmung die neue Innenministerin sticht oder umgekehrt, beide Verlautbarungen verstellen in der öffentlichen Wahrnehmung die Sicht auf das wirklich wichtige Ereignis in Brüssel, die (langfristige) Aufnahme der Türkei in die EU. Zufällig war diese Kollision der Themen nicht. Der Kanzler spielt mit der Öffentlichkeit. Er führt sie hinters Licht. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2004)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 41
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lisi meier
20.12.2004 18:30
zwei fragen des alters und wie sie beantwortet werden

"Liese Prokop ist 63".
Schüssel wird nächstes jahr 60.
aber ob artikelschreiber oder poster, allgemeiner tenor scheint zu sein: frauenjahre zählen dreifach, männerjahre dafür nur halb. woher sonst all die lächerlich- peinlichen mitleidigen sorgenfalten um Liese Prokops alter?
als politiker ist man mit sechzig "im besten alter", als vier jahre ältere politikerin, hat frau die besten jahre "schon lange hinter sich".
das doppelte maß gilt immer noch, nur beim messen will sich keiner mehr erwischen lassen.

jean paul chenet
20.12.2004 15:49
Ein Frage der Mündigkeit...

rücktritt
20.12.2004 11:50
Wie ...

kann ich die Öffentlichkeit blenden, irreleiten,kneten, verar***en, u.s.w. ? Wie kann ich meine Macht ausbauen, und mit welchen Hilfsmitteln ? Setze ich meine Strassianische Garde ein oder eher den Roprokop ? Schwinge ich mit neuen Gesetzen oder mit einer Volksbefragung ? Schweige ich oder spreche ich gerade dann wo keiner es erwartet ? Das neue Spiel "Wolfsstreich" geht mit deiner taktischen Fähigkeiten am Limit ! Neu ... von EA-Games ! Challenge everything !

Edgar Pree
20.12.2004 08:52
Ausgerechnet die PensionistInnenpartei SPÖ

mokiert sich über die Ernennung einer älteren Dame. Dabei ist für die unmittelbare Zukunft dort das Wählerpotential, in fernerer Zukunft bei jungen Türken.

Stuffi
20.12.2004 12:10
War mir nicht bewußt,

daß in der Türkei auch eine SPÖ antritt, die besonders um die Stimmen junger Türken buhlt...

Schwache Polemik...

Andreas K
20.12.2004 08:45
Zur Bestellung eines Ministerium...

...kann ich nur sagen: Ja ,das ist eine Kernaufgabe eines Bundeskanzlers und Hr. Schüssel hat offensichtlich für jedes Ministerium einen Plan B und C - na und?

Eine Volksabstimmung über den EU-Beitritt der Türkei in 13 bis 15 Jahren ist heute versprochen: Super- Schwachsinning, wers glaubt ist selber schuld. Das ist wie eine wetterprognose auf ein Monat im vorhinein oder kaffeesudlesen.
Nach dem Lehrbeispiel Fpö (nix haben die jemals gehalten): Jedes Volk kann für blöd gehalten werden, die frage ist ja nur, ob es auch blöde ist!

M K
 
20.12.2004 11:16
Antwort

Die Antwort lautet: In Summe ja!

AsaJoe
20.12.2004 10:27
Keine Frage

Die Frage stellt sich gar nicht: "Die Masse" ist immer blöde - im Sinne von oberflächlich, desinteressiert, uninformiert und damit perfekt manipulierbar.

Was leider stets verwechselt wird, sind die Begriffe Populismus und Demagogie.
Ersterer ist negativ belegt, obwohl er in seiner ursprünglichen Bedeutung "Regieren entsprechend dem Volkswillen" eine heutzutage unter "direkte Demokratie" subsummierte Politik bezeichnete. Die negative Belegung resultiert daher, dass häufig das wenig gebräuchliche Wort "Demagogie" gemeint ist. Obwohl ursprünglich auch bloß "Führung des Volkes" bezeichnend, wird sie gegenwärtig v.a. als "Volksverhetzung" verstanden.

Blöde zu sein, bedeutet m.E. also, Demagogen zu folgen. Und das tut jedes Volk der Welt.

Helmut Huber
 
20.12.2004 08:40
Hinters Licht führen ist eine politische Grunddisziplin, sollten Sie wissen, Herr Völker. Wer Hinterslichtführen nicht beherrscht, hat in der Politik nicht verloren. Egal, zu welchem Lager er gehört.

Oder war das gar Ihr erster politischer Kommentar, den Sie für den Standard schrieben?

gerhard maierhofer
20.12.2004 11:23

ja aber so frech wie schüssel die leute am schmäh führt, war glaub ich kaum einer vor ihm! (o.k. grasser ist vielleicht noch ärger) z.b. wie er uns allen ernstes einreden wollte, dass er vor hatte, fischler zum außenminister zu machen! (höchstwahrscheinlich hat er ihn nebenbei beim buffet gefragt) zu busek hat er nämlich seinerzeit gesagt er könne ihn nicht als kommissar nominieren, weil er bei der "fpö nicht durchgehe". aber fischler, der sich um nichts weniger mit den blauen angelegt hatte, hätte mit ihnen in einer regierung sitzen sollen? andere beispiele noch und nöcher...

Helmut Huber
 
20.12.2004 14:35
Hinterslichführer von früher?

Na, jede Menge!

Figl & Raab (Russenspezialisten), Kreisky (alle, aber gekonntest), Sekanina (Gewerkschaftskassier), Gratz (österr. Botschaft in ROM), Blecha (Wiener Polizei), Vranitzky (Pensionisten), Ofner (Klostersuppenabhängige), Lacina (Luxussteuergegner), Waldheim (neugierige Menschen, die was über die frühen 40er-Jahre wissen wollen), Krüger (gab den Wahnsinnigen als Justizminister oder evtl. doch den Justizminister als Wahnsinnigen, oder beide als Ignorant?)

etc.

gerhard maierhofer
20.12.2004 14:55

und als es zuviel wurde, wurden sie abgesetzt bzw. abgewählt......

max mayer
20.12.2004 12:36

Schauen Sie mal, wie die SPÖ ihre Wähler hinters Licht führt; dagegen sind alle anderen schwach.

Anton Gsandtner
 
20.12.2004 05:00
"Der Kanzler spielt mit der Öffentlichkeit. Er führt sie hinters Licht."


Man sollte nicht so viel
in eine Routineaufgabe
wie die Nachbesetzung
eines Ressorts hinein-
geheimnissen.
Noch dazu, wenn der
Artikel nicht namentlich
gezeichnet ist.

A. Gsandtner
sonst kein Fan von Schüssel

gerhard maierhofer
20.12.2004 11:05

sagens das dem herrn payrleitner vom kurier.
"wie man professionell regiert" ein kommentar heute über schüssels beneidenswerte nerven bei der erledigung einer "routineaufgabe". aber wir haben es schon bei plassnik gemerkt. kaum wird unter schwarz-blau einE ministerIn ernannt, die für ihr amt geeignet ist, führt das schon zu jubelchören - mensch ist fähige ministerinnen einfach nicht mehr gewohnt.....

pier paolo pasolini
 
20.12.2004 08:45

steht eh ganz oben, es handelt sich um Michael Völker

Elisabeth Jarok
20.12.2004 02:34
Rumsfeld ist 72

zur Erinnerung. Rumsfeld ist allerdings ein klarer Fall von Altersstarrsinn.

Helmut Huber
 
20.12.2004 08:40
Rummsfeldt

kannte auch schon Jugendstarrsinn, heißt es.

per verser
20.12.2004 01:50

"Der Kanzler spielt mit der Öffentlichkeit. Er führt sie hinters Licht."

dem ist nichts hinzuzufügen.

so kurz und klar kann wahrheit sein.

Peter Prischl
19.12.2004 23:30
Keine Diskrimierung wegen Alters - dies muss auch hier gelten

Diskrimierung in jeder Form ist zu Recht geächtet, Diskriminierung wegen (zu hohen) Alters ist darüber hinaus auch noch unklug.
Dies muss auch für ein Ministeramt gelten.
Frau Prokop ist eine Person mit viel politischer Erfahrung, die ihr offenbar zum Vorteil gereicht und nicht zu persönlicher Verbrauchtheit geführt hat.
Kritik an einer designierten Ministerin ist natürlich möglich und in Ordnung, aber gegen abgefeimte Versuche an niedrige Instinkte oder Vorurteile zu appelieren um so politisches Kleingeld zu machen sind ohne Wenn und Aber ABZULEHNEN.
-Peter Prischl-

Martin Rosenkranz
19.12.2004 23:25
Ein wirklich wichtiges Ereignis

wär die Aufnahme der Schweiz oder Norwegens.

Aber nach Österreich, Schweden und Finnland ist es wohl vorbei mit der Aufnahme von wohlhabenderen Staaten und problemlosen Demokratien. Es kommen nur noch Blinde und Fußlahme....

Helmut Stadlbauer
19.12.2004 22:03
Liebe SPÖ, wie alt ...

... ist UHBP Fischer? War er auch euer letztes Aufgebot?
Aber natürlich, ich hab ja vergessen: die "Alten" über 60 (Frauen ab 55 - es lebe die Gleichberechtigung!) gehören pensioniert, irgendwer wird ihre Pension schon zahlen. Ihre Erfahrung und Lebensweisheit brauchen wir im "wahren Leben" eh nicht mehr.

Simplicius Simplicissimus
20.12.2004 07:31
Zum Ausgleich...

...gibts ja die 47-jährigen zwangspensionierten Post-und ÖBB-Bediensteten.

Leon Stern
20.12.2004 01:16
fischer ist der "logische" hbp

nicht umsonst hat er mit dem höchsten abstand in einer stichwahl (nur 2 personen treten gegeneinander an) in der geschichte österreichs gewonnen.

F*** the ÖVP
20.12.2004 00:26
Sie bringen da gehörig etwas durcheinander

Für das Amt des Bundespräsidenten werden seitens der Bevölkerung Gravitas, Würde und Weisheit verlangt. Also, Eigenschaften/Qualifikationen, die man gemeinhin immer noch mit höherem Alter in Verbindung bringt. Daher ist in den Augen des Volkes ein 63-Jähriger für das Amt des Bundespräsidenten keineswegs zu alt. Im Gegenteil.

Das Amt des Innenministers hat ein weniger strenges Anforderungsprofil. Allerdings sieht sich die Regierung Schüssel im konkreten Fall mit dem hausgemachten Problem konfrontiert, "zu alt" und ergo zu verbraucht zu wirken. Schüssel bzw. seinen Marketingleuten gelang 2000ff. das Kunststück, mit langgedienten Alt-Politikern wie Bartenstein, Gehrer, Molterer eine dynamische "Wende" zu inszenieren. Dieser Lack ist nun ab.

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