Soziales Familienkapital als Bildungsressource

19. Dezember 2004, 16:48
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Immigrantenherkunft "besonders nachteilig"

Die Diagnose ist ernüchternd und statistisch gesichert: "Welche Leistungen erbracht werden, hängt nach wie vor mit dem sozioökonomischen Hintergrund der Jugendlichen zusammen." Je niedriger der sozialökonomische Status der Familie, umso schlechter sind die Leistungen der Kinder bei der Pisa-Studie. Auch beim Mathematik-Schwerpunkt wurde dieser Zusammenhang drei Jahre nach der Lese-Prüfung 2000 erneut bestätigt.

Dieser Zusammenhang ist "über alle Vergleichsländer hinweg statistisch höchst signifikant", aber "sehr unterschiedlich ausgeprägt". Vor allem in nordischen Ländern seien "die sozioökonomischen Disparitäten geringer". Das heißt, dass im Pisa-Siegerland Finnland, aber auch in Schweden und Dänemark, Kinder aus unteren Sozialschichten im Vergleich zu Kindern aus ökonomisch privilegierteren Familien etwas schwächer abschneiden - aber auf einem insgesamt deutlich höheren Niveau als etwa Kinder aus Österreich: "Bei allen drei Ländern wirkt sich vermutlich die lange Gesamtschulzeit kompensierend aus", heißt es in der Studie.

Neben der traditionellen Geschlechterverteilung - Buben sind in Mathematik etwas besser sind (Ausnahme Island, wo die Mädchen vorne liegen), Mädchen haben dafür beim Lesen große Leistungsvorsprünge - spielen also Familienstruktur, Herkunft und Ausbildung der Eltern eine zentrale Rolle für die Bildungschancen der Kinder, zeigte Pisa 2003. Für österreichische Burschen wurde ein Vorsprung von 18 Punkten in Mathematik errechnet: "Burschen weisen unter gleichen Bedingungen und mit identischen Ressourcen eine um durchschnittlich 18 Punkte höhere Mathe-Kompetenz auf als Mädchen". Eine "vollständige Familie" schlägt sich bei Buben und Mädchen mit 13 Vorsprungpunkten nieder.

"Besonders nachteilig" wirkt sich laut Pisa 2 indes "der Umstand aus, dass ein Schüler/eine Schülerin aus einer Immigrantenfamilie stammt" - auch wenn die sozioökonomischen Bedingungen und die kulturellen sowie pädagogischen Ressourcen vergleichbar sind. In Österreich erzielen Zuwandererkinder in Mathematik um durchschnittlich 39 Punkte weniger. In Finnland sind es sogar minus 68 Punkte, allerdings immer auf einem insgesamt höheren Leistungslevel.

Nach der ersten Pisa-Studie schrieben die Pisa-Österreich-Autoren angesichts der "Tatsache", dass zwischen Leistung und familiärem Hintergrund ein Zusammenhang besteht: "Maßnahmen müssen wohl darauf fokussieren, dass das Schulsystem diesen Zusammenhang so gut wie möglich kompensieren kann."

(Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 18./19.12.2004)

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