Nagelprobe für die Familienidylle

20. Dezember 2004, 08:37
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Telefonseel­sorgerInnen haben zur Weihnachtszeit Hochsaison - 64 Prozent der AnruferInnen sind weiblich

Wien - Über dem Schreibtisch von Dora Stepanek, Leiterin der Telefonseelsorge Wien, hängt an einer Pinnwand das Bild "Selbstporträt am Telefon" von Maria Lassnig im Postkartenformat. "Ich habe es bei einer Ausstellung entdeckt, es passt so gut hierher", sagt Stepanek. Auf dem Bild liegt der Hörer neben dem Telefon. Das Telefonkabel umschlingt den Hals einer Frau, wobei auf dem Gemälde der Kopf unterhalb der Augen abgeschnitten ist, die Identität der Frau bleibt damit unklar. Die täglichen 50 bis 100 AnruferInnen bleiben ebenfalls anonym. Sie haben zwar kein Gesicht, aber zumeist ein quälendes Problem, das sie zum Telefonhörer greifen lässt.

Schicksale hinter Statistiken

1.585 Personen haben im Jahr 2003 geschwiegen oder aufgelegt, nachdem sich am anderen Ende der Leitung die Telefonseelsorge Wien meldete. Aber mit 31.846 Menschen führten die rund 150 großteils ehrenamtlichen MitarbeiterInnen ein Gespräch. Einsamkeit, PartnerInnensuche und Beziehungsprobleme, sowie Belastungen durch Krankheit oder psychische Störungen sind die häufigsten Themen, zeigt eine Statistik.

Doch hinter den nackten Zahlen steckt mehr: Wer täglich bis zu 100 Telefonate mit Menschen aus allen Bevölkerungsschichten führt, bekommt sehr schnell mit, was sich in der Gesellschaft verändert. "Seit einigen Jahren", erklärt Stepanek, "nehmen wir wahr, dass hinter Beziehungsproblemen, psychischen Ängsten und Nöten oftmals zunehmender Arbeitsdruck oder die Bedrohung durch Arbeitslosigkeit steht."

Schwierigkeiten der Männer

64 Prozent der Anrufe kommen von Frauen und Mädchen, Burschen und Männer haben noch immer Mühe, sich zu überwinden und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der Alkohol löst die Zungen, viele der AnruferInnen sind betrunken. "Männer gestehen es sich nicht gerne ein, mit einem Problem überfordert zu sein, und sie haben auch eine drei Mal höhere Selbstmordrate", sagt Stepanek.

Hochsaison

Spätestens Ende November und im Dezember häufen sich Anrufe, in denen die Angst vor Weihnachten zum Thema wird. "Für manche, die das alleine Sein sonst als angenehm empfinden, wird die Aussicht auf Einsamkeit am Heiligen Abend plötzlich zur Bedrohung", erzählt Stepanek. Weihnachten verlangt aber auch vom Idealbild der Familienidylle eine Realitätsprüfung. "Viele haben Angst, dass sich die großen Erwartungen an ein harmonisches Familienfest nicht erfüllen." Weihnachten wirft immer ein Schlaglicht auf die Spannungen in den familiären Beziehungen. Eskalation und Streit in der stillsten und besinnlichsten Zeit des Jahres sind keine Seltenheit.

E-Mail-Beratung

Marlies Matejka ist schon seit zwanzig Jahren bei der Telefonseelsorge, seit rund zwölf Jahren hauptamtlich. Im Jahr 2002 hat sie die E-Mail-Beratung ins Leben gerufen. "Fast immer hat man das Gefühl den Menschen zumindest ein wenig weiterhelfen zu können, sogar wenn man nur zuhört." Als "Mülleimer für seelische Probleme" sieht sie sich nicht: "Es ist auch wichtig sich abzugrenzen." Supervision ist für alle verpflichtend, dort können dann besonders unter die Haut gehende Telefongespräche reflektiert werden. (APA)

Telefonseelsorge
Telefonnummer 142 kostenlos und rund um die Uhr oder
E-Mail-Beratung
  • Eskalation und Streit in der Weihnachtszeit sind keine Seltenheit.
    Eskalation und Streit in der Weihnachtszeit sind keine Seltenheit.
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