Theaterregisseur und Intendant Peter Palitzsch ist tot

19. Dezember 2004, 19:21
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Brecht-Schüler und Verfechter eines politisch wirksamen Theaters starb im 86. Lebensjahr

Peter Palitzsch - Ein Brecht-Schüler starb im 86. Lebensjahr

Berlin - Der deutsche Theaterregisseur und Intendant Peter Palitzsch ist tot. Er starb am Samstag im Alter von 86 Jahren an Lungenversagen, teilte das Berliner Ensemble mit, dem er längere Zeit angehört hatte. Palitzsch - am Beginn seiner Karriere Assistent von Bertold Brecht - hat an praktisch allen großen Häusern des deutschen Sprachraums gearbeitet, so auch Ende der 70er Jahre am Wiener Akademietheater.

Wenn vom politisch wirksamen, intellektuell anspruchsvollen deutschsprachigen Theater nach dem Zweiten Weltkrieg die Rede ist, fällt ein Name immer wieder: Peter Palitzsch. Nur wenige Regisseure seiner Generation haben derart viel für eine publikumswirksame und dabei geistreiche Schauspielkunst geleistet wie der am 11. September 1918 in Schlesien geborene Kaufmannssohn.

Bertolt Brecht holte ihn 1948 ans "Berliner Ensemble"

Palitzsch, der beruflich zunächst in die Fußstapfen seines Vaters trat, kam nach fünf Jahren Kriegsdienst zum Theater. Erste wesentliche Station war die Stelle eines Dramaturgen an der Volksbühne in Dresden. Von dort holte ihn Bertolt Brecht 1948 als Mitarbeiter an das "Berliner Ensemble". Schon im darauf folgenden Jahr debütierte Palitzsch dort als Regisseur. Bis Ende der 50er Jahre schuf er, oft in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Manfred Wekwerth, mehrere heute legendäre Inszenierungen an der Bühne, etwa 1959 "Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui".

Seit Brechts Tod 1956 auch in Westdeutschland tätig, folgten viele beachtete, gleichermaßen gefeierte wie angefeindete Arbeiten an verschiedenen Häusern. Als beispielhaft für seinen Stil, der nicht auf eine emotionale Überrumpelung, sondern auf das Mitdenken des Publikums setzt, gilt die Inszenierung von "Dantons Tod" in Stuttgart, wo er 1967 Schauspieldirektor des Württembergischen Staatstheaters wurde.

Unter seiner Leitung entwickelte sich die Bühne zu einem führenden Theater Deutschlands. Seine stets mit betont gegenwärtigem Blick geschaffenen Klassiker-Adaptionen, etwa 1967/68 Shakespeares Trilogie der Rosenkriege, galten als Beispiel für eine zeitgemäße Aneignung des englischen Dichters.

Verfechter eines politisch wirksamen Theaters

Doch das Beharren auf ein politisch wirksames Theater bescherte Palitzsch viel Gegenwind. Ende 1967 zum Beispiel begehrten Vertreter der CDU anlässlich der deutschen Erstaufführung von "Macbird", einer bitterbös-komischen Auseinandersetzung mit dem US-Präsidenten Lyndon Johnson gegen Palitzsch auf. Trotz vieler Anwürfe hielt Palitzsch bis 1972 in Stuttgart durch. Danach arbeitete er als Vorsitzender des neuen Schauspieldirektoriums der Städtischen Bühnen Frankfurt/Main.

Verkrustete Strukturen aufbrechen

Mit einer Vollversammlung als Entscheidungsgremium versuchte die Bühne verkrustete Strukturen aufzubrechen. Der umstrittene Versuch wurde von Palitzsch entscheidend befördert und brachte bemerkenswerte Aufführungen hervor. Nach dem Weggang aus Frankfurt/Main arbeitete er ab 1980 europaweit erfolgreich als Gastregisseur, u.a. auch am Burgtheater, wo er beispielsweise 1990 die Uraufführung von Peter Turrinis Stück "Tod und Teufel" inszenierte.

1992 schloss er sich noch einmal dem Versuch einer modernen Theaterleitung an: Gemeinsam mit Matthias Langhoff, Fritz Marquart, Heiner Müller und Peter Zadek übernahm er die Führung des "Berliner Ensemble" - ein Versuch, der nach nur zwei Jahren endete. In dieser Zeit steuerte Peter Palitzsch eine ganze Reihe von Inszenierungen bei. Doch weder stellte sich der große, überragende Publikumserfolg früherer Jahre ein, noch gelang es ihm, in gesellschaftliche Diskussionen nach der Vereinigung einzugreifen. In den vergangenen Jahren pendelte er insbesondere zwischen Zürich, Düsseldorf und Frankfurt am Main.

Am Wiener Akademietheater inszenierte der Regisseur beispielsweise 1978 Ibsens "Hedda Gabler". (APA/dpa)

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