Autorin Frischmuth: Österreichs Haltung "befremdlich und unnötig"

21. Dezember 2004, 16:09
42 Postings

Türkei-Kennerin: Österreich spielt "kontraproduktive Rolle" - "Es würde nicht schaden, visionäre Energie zu entwickeln"

Wien - "In Verhandlungen kann man vieles lösen, auch die Zypern-Frage." Optimistisch äußert sich die österreichische Schriftstellerin und Türkei-Kennerin Barbara Frischmuth ("Die Schrift des Freundes" u.v.a.) über den EU-Beschluss, mit der Türkei Verhandlungen über einen Beitritt aufzunehmen. "Ich war immer dafür und bin auch jetzt dafür. Aber kein Mensch hat gesagt, dass es leicht geht."

"Integration ist heute das Hauptthema"

"Ich kann nur immer wieder betonen, dass ein EU-Beitritt der Türkei viele gute Seiten hätte. Er beweist auch, dass die islamische Kultur mit dem Westen kompatibel ist. Die Zeiten, in denen man glauben konnte, Europa 'rein' erhalten zu können, sind längst vorbei. Integration ist heute das Hauptthema", so Frischmuth. "Ich denke, es wäre eine ganz große Sache. Wenn das gelingen würde, würde die größte und schärfste Front, die es heute gibt, jene mit dem Islam, aufgelockert werden."

"Es würde nicht schaden, visionäre Energie zu entwickeln"

Heute stünden Ängste im Vordergrund, "aber nur mit Angst wäre Europa nie zu dem geworden, was es ist. Europa braucht Herausforderungen. Es würde nicht schaden, visionäre Energie zu entwickeln. Und vor allem muss sehr viel Information ausgetauscht werden. Da ist auch die Presse gefordert." Dass Österreich sich beim vergangenen EU-Gipfel von allen Staaten der Union am skeptischsten in der Türkei-Frage verhalten hat, findet die 63-jährige Autorin, die Türkisch, Ungarisch und Orientalistik studiert hat, "befremdlich und unnötig": "Mehr noch als über die Aussagen von Bundeskanzler (Wolfgang) Schüssel (V) habe ich mich über jene von SP-Klubobmann (Josef) Cap geärgert. Österreich spielt da eine Rolle, die eher kontraproduktiv ist."

"Ergebnis ist für Türkei ein großer Ansporn"

"Ich glaube, dass das Ergebnis für die Türkei ein großer Ansporn ist. Auch die Türkei hat jetzt eine Aufgabe - sich so zu präsentieren, dass sie Ängste nicht schürt, sondern mildert. Auf der anderen Seite ist klar: Laissez faire bringt gar nichts. Die Türkei muss das Gefühl haben, dass sie beobachtet wird." Aber auch die Österreicher müssten lernen, zu differenzieren: "Wenn manches mit türkischen Gastarbeitern nicht klappt, kann man nicht gleich unterstellen: Die ganze Türkei ist schuld. Das sind oft ganz einfache, arme Leute aus Anatolien gewesen, die zu uns gekommen sind. Manche von ihnen ziehen sich jetzt auf eine Kultur zurück, die nicht repräsentativ für das ganze Land ist." (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.